PR online: Geliebt, gehasst, verpönt?

25. August 2008So ein BarCamp wie jenes vergangenes Wochenende am Traunsee muss abhängen wie guter Speck. Ich bin mitten drin, über die Gespräche und Sessions, Worte, Gesten und Signale nachzudenken, die ich …


So ein BarCamp wie jenes vergangenes Wochenende am Traunsee muss abhängen wie guter Speck. Ich bin mitten drin, über die Gespräche und Sessions, Worte, Gesten und Signale nachzudenken, die ich hier einsammeln durfte. Ich bin sehr dankbar darfür, dass es diese offenen Veranstaltungsformate gibt und sich immer wieder auch Menschen finden, die Bock haben, ihr Wissen mit anderen zu teilen.

Quelle Istockphoto

Ein Ding spukt mir seit meiner Session (sie war zu frontal und spärlich dialogisch, ich mach wohl eindeutig zu viele Workshops derzeit…) am Freitag im Kopf herum: Sind PR egal ob online oder offline, sind strategische Online Kommunikation und Online Marketing genuin böse, ja oder nein?! Vorweg: Ich sehe mich persönlich sehr stark geprägt durch die 95 Thesen des Cluetrain Manifestos. Folglich geht es mir auch online um Transparenz und Kommunikation auf Augehöhe. Wer andere an der Nase herumführt, wordurch auch immer, verliert, in der Kommunikation face-to-fake ebenso wie in der klassichen PR oder meinetwegen der newPR, CluetrainPR oder wie wir das Kind im Bade immer nennen wollen, ohne es jedoch mit eben diesem auszuschütten.

Was mir auffällt, ist, dass es eine Tendenz gibt, strategische Kommunikation in welcher Form auch immer als böse oder als zumindest in Teilbereichen als unredlich hinzustellen. So nach dem Motto: Alle NLP geschult, alle brainwashed und mit allen Wassern gewaschen. Und alle irgenddwie mit Vorsicht zu genießen. Ja, es gibt Leute, die faken und noch andere schreckliche Dinge tun. Ja, diese Leute gibt es auch in der PR. Sie tun dies und das, treiben sich in Foren herum, verarschen hier und verkaufen da. Das negative Image kommt so wie von alleine. Klar.

Was ist aber mit denen, die nicht in diese Schublade passen, die zwar meinetwegen für Unternehmen in Foren kommunizieren, dies aber mit offenem Visier tun, die zB bei einem Journalisten anrufen und ihm sagen, ich rufe an für den Kunden XY, die ethische Grundsätze haben und nicht daran denken, sie täglich aufs neue zu unterschreiten. Was ist mit denen, die sich täglich bemühen, seriös zu arbeiten, richtig zu handeln und nicht den leichten Weg zu gehen. Sind die auch böse? Spamen die auch? Kommunizieren die auch noch, obwohl ihnen schon lange niemand mehr zuhört? Woher kommt dieses Image, das ich hier förmlich mit Händen greifen kann (oder mir das zumindest felsenfest einbilde)?

Ich bin für PR ohne fahlen Nachgeschmack. Ich bin für Online Kommunikation mit offenem Visier. Ich bin für ethische Standards und gegen Borderline-Praktiken und ich bin gegen Kunden, die genau das von mir wollen. Vorher esse ich Kartoffeln, trinke Wasser und lebe im Zelt. Ich bin aber auch dafür, nicht scheel angesehen zu werden, weil meine Arbeit Kommunikation, PR und Marketing ist. Ich bin es leid, für jene schwarzen Schafe herhalten zu müssen, die einfach reden ohne zuzuhören, die spamen, faken, die kassieren und sagen, hinter mir die Sintflut. Ja die gibt es. Aber bitte machen wir es uns nicht so einfach, alles, wo "Public Relations" draufsteht in diesen einen Topf zu werfen. Das hat noch nie funktioniert. Und warum sollte es das gerade hier?!

17 Gedanken zu “PR online: Geliebt, gehasst, verpönt?

  1. Wenn dem so ist und du dich nicht zur Online-Auktion angemeldet hast, möchte ich mich dafür (mit-)entschuldigen. Ich werde die Sache weiterleiten.

  2. Und aus aktuellem Anlass: Gerade habe ich eine Spam-E-Mail von der Kleinen Zeitung erhalten, die mich ungefragt, unerlaubt und unerwünscht auf ihre 8. Online-Auktion aufmerksam macht. DAS ist ein eklatanter Verstoß gegen §107(2) TKG!
    Naja, wandert die Kleine Zeitung halt auch in den Spam-Filter. :-)

  3. @Georg – Natürlich sind Journos kein Freiwild, und PR-Leute, die das nicht kapieren, sollten dringend über einen Jobwechsel nachdenken. J und PR sind in einem gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis, das sich m.E. nicht durch einen Paragrafen wie den 107(2) TKG strukturieren lässt.
    Der PRVA arbeitet immer wieder daran, das Verständnis füreinander zu verbessern – und klarerweise auch daran, die Professionalität in den Media Relations wenigstens bei den eigenen Mitgliedern zu erhöhen. Es ist aber nur ein eher geringer Teil aller PR-Treibender im PRVA organisiert. Da PR in Ö ein freies Gewerbe ist, ist es unvermeidlich, dass sich da eine Unmenge Leute herumtreiben, die von der Materie keine bis wenig Ahnung haben => Probleme sind unausweichlich.
    Soll nicht heißen, dass nicht auch bei PRVA-Mitgliedern Fehler passieren. Da gibt es immerhin den Druck der Auftraggeber, die sich – aus welcher Motivation auch immer – möglichst oft in den Medien erwähnt sehen möchten, und mancher Agentur ist das Kunden-Hemd näher als der Medien-Rock.
    Dabei sollte es so einfach sein: Die Technologie ist (längst) vorhanden, um eine zentrale DB mit allen relevanten Journalisten-Daten zu schaffen, die von den Journos selber gewartet wird; aus diesen Daten könnte die PR die jeweils benötigten Datensätze für ihre Verteiler ziehen.
    Sicher, es gibt das Pressehandbuch und den Journalisten-Index (und möglicherweise sonst noch was, das ich nicht kenne, weil ich keine Medienarbeit mache), aber die reichen offensichtlich nicht aus. Jedenfalls investieren viele Agenturen und PR-Abteilungen eine Menge Zeit und Geld, um ihre Presseverteiler a jour zu halten. Das ist ein Aufwand, der Kapazitäten bindet, die für viel wichtigere, inhaltliche und strategische Arbeiten eingesetzt werden sollte – z.B. auch für bessere, besser geschriebene und aufbereitete Stories.
    Eine solche zentrale DB von Journalisten-Profilen würde die PR-Branche ganz schön in die Pflicht nehmen: Es gäbe dann keine Ausreden mehr dafür, dass Presseaussendungen in Pumpgun-Manier unters Volk gefeuert werden.
    Aber dass es so etwas in absehbarer Zeit geben wird, halte ich für wenig wahrscheinlich. Es wird wieder jede Seite darauf warten, dass die andere den ersten Schritt macht.

  4. @Markus: Auch wenn kein Fall bei Gericht landet, sind Journalisten diesbezüglich kein Freiwild.
    Danke, dass du das mit der Zielgenauigkeit erkannt hast. Vielleicht kann der PRVA da was machen.
    Mimosiger: Das sehe ich nicht so. Einen Brief zu schreiben ist halt schwerer und teurer, als 100 zusätzliche Adressaten in die BCC-Zeile eines Mail-Programms zu kopieren.

  5. @Georg – dass sich Journalisten auf den §107(2) des TKG in der Fassung aus 2003 berufen ist schon reichlich absurd; allfällige Beschwerden würden, so sagen jedenfalls alle Medienanwälte, die ich dazu befragt habe, nicht einmal bis vor Gericht kommen.
    In der Sache gebe ich dir insofern Recht, als die Zielgenauigkeit mancher/vieler (?) PR-Leute – Agenturen wie In-house – schwer zu wünschen übrig lässt.
    Ich sehe aber auch, dass Journalisten anscheinend zunehmend mimosiger werden. Ich habe als Journo auch jeden Tag 15-20 cm Presseaussendungs-Stapel auf dem Tisch gehabt (in Papier, im geschlossenen Kuvert), von denen der Großteil Schrott war. Klar haben wir uns auch geärgert, oder eigentlich: gewundert, aber wir haben den Mist einfach weggeworfen (den Papierkorb mussten wir ja wenigstens nicht selber leeren). Vielleicht waren wir vor mehr als 25 Jahren einfach gelassener.
    Ich stimme Ed zu: mehr Professionalität auf beiden Seiten, mehr Kooperation und gegenseitiges Verständnis, dann klappt’s auch.

  6. @ Georg: Mehr Unaufgeregtheit wäre der Sache bestimmt dienlicher. Stichwort Professionelles Miteinander. Wenn sich zwei Berufsgruppen gegenüber stehen, die gebetsmühlenartig wiederholen, die Gegenseite würden dieses und jenes falsch machen, hilft das niemandem weiter. Aber: Ich sehe dass hier Bedarf besteht, auf beiden Seiten. Beide seiten können und könnten voneinander lernen, vorausgesetzt, sie nehmen den Zeigefinger herunter. Vielleicht gibt es mit dem PRVA in Kärnten schon bald Veranstaltungen, wo darüber diskutiert werden könnte bzw. wo das professionelle Miteinander in den Mittelpunkt gerückt würde.

  7. Es würde doch reichen, wenn sich alle Beteiligten ans Telekommunikationsgesetz halten würden, oder? § 107 Abs. 2 TKG 2003
    Und wenn man das schon nicht tut, dann wäre doch ein Unsubscribe-Link nicht zuviel verlangt.
    @Markus: Solche Verzeichnisse gibt es ohnehin. Ich hab mich voll gewundert, was diverse Verlage alles über mich wissen.
    Und wenn ein PR-Mensch mit einem (irgendeinem) Journalisten Kontakt aufnimmt, dann wird sich dieser wohl mit dem Gegenüber beschäftigen. Von mir gibt’s 100.000 Clippings irgendwo rumliegen. Klar, das ist Arbeit. Aber so könnte man schnell rausfinden, ob ich Aussendungen zu Babynahrung, Papierwerken oder Tschibo (alles heute bekommen) nicht brauchen kann.

  8. naja… soweit würde ich nicht gehen Markus. Aber irgendwie kam mir vor, als wäre alles wo PR oder Marketing draufsteht irgendwie pfui! wäre. Oder bilde ich mir das ein..?

  9. Interessant ja auch, dass jenen, die sich so süffisant über die „massive Präsenz“ der PR beim BarCamp Traunsee (immerhin 3-4 von fast 40) mokierten, das noch viel massivere Desinteresse der JournalistInnen (1 Vollzeit, 1-2 Parttime) gegenüber dem Thema anscheinend blunzenegal ist.
    Wahrscheinlich sind ihnen beide zuwider und sie, die SME (Social Media Experts), würden am liebsten unter sich bleiben. Sektenverhalten.

  10. das von dir angesprochene professionelle Miteinander ist für mich d e r Punkt schlechthin. Der wird jedoch nicht nur dadurch erreicht, dass die einen (PR-Fuzzis) endlich lernen sollten richtig zu adressieren, ich denke das sind Basics bzw. dadurch, dass sich die ach so kritischen Journalisten darüber alterieren mit Presseaussendungen vollgemüllt zu werden. Professionelles Miteinander entsteht beim Tun. Jeden Tag. Nicht dadurch, dass es vorgefasste Meinungen gibt, die mir am BarCamp – ich muss es offen sagen – doch irgendwie aufgefallen sind. Da ging es um „die PR-Leute“ und um „wir die rezipierende, gelackmeierte Gegenseite“ und ich denke dass diese vorgefassten Meinungen ein professionellens Miteinander in Wirklichkeit nicht fördern.

  11. Das Problem, das Journos mit PR-Fuzzis haben und vice versa, ist so alt wie die PR, also mehr als 100 Jahre. Und beide Seiten bleiben einander nichts schuldig. 90% der Presseaussendungen sind Quargel, nur für die Rundablage zu gebrauchen. Aber ohne Presseaussendungen blieben 90% der Zeitungsseiten leer.
    Beide Berufsgruppen brauchen einander, aber dennoch haben sie es nicht geschafft, zu einem (jeweils branchenweit) professionellen Miteinander zu kommen. Codices oder ähnliches sind Mumpitz, was zählt, ist das professionelle Verhalten (auf BEIDEN Seiten).
    Die Punkte, die Georg in seinem Kommentar anführt, schauen auf den ersten Blick gut aus, spiegeln aber nicht die Bedürfnisse des gesamten Medienbranche wider: da gibt es nämlich keine einheitliche Erwartungshaltung, an der sich die PR orientieren könnte. Zielgenau adressieren ist sicher wünschenswert, aber von manchen Redaktionen hörst du dann, dass sie selbst entscheiden, wer die Info zur Bearbeitung erhält. Und wo können PR-Menschen heraus finden, woran welcher Journalist gerade interessiert ist? Oder bei welchem Medium er/sie gerade arbeitet? Und wenn man sich erdreistet nachzufragen, kann man sich oft genug eine Suada anhören, was man sich denn einbilde, den Arbeitsfluss durch so sinnlose Anfragen zu unterbrechen.
    Wenn die lieben KollegInnen der schreibenden Zunft eine reibungslosere Zusammenarbeit mit der PR-Branche möchten, dann sollten sie dieser ein Stück entgegen gehen, z.B. indem sie selber ein Register betreiben, in dem – stets brandaktuell – die relevanten Daten zu finden sind (Medium, Themen, erwünschte Art des Kontaktes etc.). DAS wäre mal eine sinnvolle Social Media/Network Lösung!
    Warum sollen die PR-Leute immer die Arbeit machen? Wir liefern euch ja eh schon den Großteil des Stoffes, den ihr in euren Publikationen verwendet ;-))

  12. du hast im Prinzip recht und ich kann auch die Punkte 1-3 unterschreiben. Generell denke ich aber, dass deine Sichtweise von „PR“ ein wenig zu kurz greift. Klar hast du als gefragter Technikjournalist v.a. mit jenem Teilbereich von PR zu tun, der Pressearbeit heißt und einzig und allein auf die Medien respektive den Journalisten abzielt. Ich kann mir auch vorstellen, dass das schrecklich nervt. Ganz am Anfang einer Journalistenkarriere vielleicht nicht aber dann wohl sehr bald. An der Unsitte, eMails in Form von eMail-Bomben „an alle“ schicken zu können, scheinen mir auch die Medienbetriebe selbst nicht ganz unschuldig. Ich habe schon öfters mal gehört „Schickens den Text ruhig an die Sammeladresse…“ PR findet an der Schnittstelle von Unternehmen und deren Teilöffentlichkeiten statt und wird in der Regel vom Unternehmen bezahlt. PR kann aber noch viel mehr leisten, als Pressetexte zu verfassen und sie in eMail Postfächer zu verteilen. Ich denke auch, dass es nur die PR selbst kann, sich so zu wandeln, dass du deine Freude daran haben wirrst, den du manchmal ja hoffentlich auch schon hast. Ich denke nämlich, dass nicht 100 Prozent aller Veröffentlichungen nur auf super-vernetzte und informierte Medienvertreter zurück geht sondern ein Teil eben auch auf jene Leute, die Geschichten anbieten, sich auskennen, mundgerecht servieren, Dialog aufbauen und halten. Das ist keineswegs unredlich, vielmehr ein Job wie jeder andere auch Und in Sachen Freiwilliger Selbstverpflichtung schau dir doch mal all das an, wozu sich die „PR-Fuzzis“ schon alles verpflichten können. Verpflichten heißt dann aber am Ende des Tages auch, dass man sich daran halten soll.
    http://www.ipra.org/detail.asp?articleid=22
    http://www.drpr-online.de/statische/itemshowone.php4?id=29
    Die PLEON Agenturen Deutschlands haben sogar einen separaten Codex zu dem sie sich verpflichten http://www.drpr-online.de/statische/itemshowone.php4?id=76

  13. Ein Punkt ist, dass sich die Branche zum Teil selbst schadet, indem viel zu viele von ihr in meine Inbox wollen. Mit einer Reihe von Schutzmaßnahmen habe ich mich vor Spam wehren können. Das geht bei Aussendungen nicht.
    Ich glaube, es müsste eine freiwillige Selbstverpflichtung von PR-Machern geben:
    1. Recherchieren vor dem E-Mailen: Passen meine Aussendungen überhaupt zu dem Journalisten
    2. Keine Aussendungen mehr an Mail-Verteiler, die alle (a) in einem Ressort oder (b) in einer Redaktion bekommen.
    3. JEDE einzelne Presseaussendung müsste mit einem einfachen „Unsubscribe-Link“ am Ende ausgestattet sein. Wenn der Inhalt gut ist, wird ihn eh niemand abbestellen.
    Nicht dass ich PR in Summe als schlecht empfinde: Der Druck innerhalb der Branch ist halt so groß, dass mehr und mehr ausgesandt wird. E-Mail als Medium für Journalisten wird zusehends unnütz.
    Weniger ist mehr: Vielleicht würden dann auch Botschaften mehr gehört, wenn sie die richtigen und nicht viele Empfänger hat.
    Cheers!