PR mit User generierten Inhalten überfordert

7. November 2008Ich klicke mich gerade durch die Leipziger Bewegtbildstudie 2008, die die Universität Leipzig für die dpa-Tochter News Aktuell durchgeführt hat. Die Studie fragte bei rund 2.000 Top-Entscheidern aus Journalismus und …


Ich klicke mich gerade durch die Leipziger Bewegtbildstudie 2008, die die Universität Leipzig für die dpa-Tochter News Aktuell durchgeführt hat. Die Studie fragte bei rund 2.000 Top-Entscheidern aus Journalismus und PR nach, wie es denn bei ihnen mit dem Thema Bewegtbild, sprich Video aussieht, ob und wie es genutzt und eingesetzt wird, ob man es als wichtig erachtet, etc. Ein großes Fazit der Studie, die von Prof. Ansgar Zerfaß miterstellt wurde, ist, dass die Public Relations Branche am Auge des Bewegtbildes von Ausnahmen abgesehen ziemlich blind wäre. Auch verkenne die PR die Bedeutung, die Bewegtbilder bei ihren oft wichtigsten Dialogpartnern, den Journalisten bereits hat. So weit so gut. Für mich ist dieses Folie aber die mit Abstand Wichtigste.

Bewegtbild Studie 2008

Nun was ist dazu zu sagen? Die PR ist ja angeblich im Wandel. Dies unter anderem deshalb, weil sich Kommunikationsprozesse nicht mehr länger in gewohntem Ausmaß steuern lassen. Mehr und mehr greift diese Erkenntnis auch in der Branche. Schwierig ist hierbei allerdings der Umstand, dass es gerade dieses Steuern des Informations- und Kommunikationsflusses ist, das PR-Agenturen nicht nur als ihren Job sondern gleichzeitig auch als wichtigsten Grund dafür sehen, warum es sie gibt. Der PR-Heini als klassischer Schleusen-Wärter, der zwischen dem Unternehmen und seinen Teilöffentlichkeiten steht und sagt: "Kommunikation ja gerne! Aber bitte nur solange wir das wollen". Und genau dieses Modell ist heute eben nicht mehr tragbar, es hat sich überlebt, röchelt noch ein wenig und wird bald völlig ex gehen. Zu viele Dialogpartner, zu viel Internetanschlüsse, zu einfach das Publizieren über welche Kanäle auch immer. Eine Realität, der sich auch die Schlachtschiffe der strategischen Kommunikation und des Lobbyings nicht länger verschließen können.

Zurück zur Studie und zum oben gezeigten Slide. Inhalte die von Nutzern stammen, waren im Medienbetrieb einige Zeit lang ein heikles Thema. Die Debatte über Rechte und Qualität und – gähn! – darüber, ob Blogger jetzt Journalisten sind oder nicht, stand lange – viel zu lange wie ich meine – im Zentrum der Auseinandersetzung und verdeckte die Tatsache, dass es diese, von Usern generierten Inhalte (zu Neudeusch: User generated Content = UGC) einfach gibt, dass sie einfach da sind, erstellt werden, jeden Tag von einer immer größer werdenden Usergemeinde, die sich von Medienkonsumenten zu Medienproduzenten verwandeln. Dann gingen Redaktionen dazu über, Inhalte von ihren Hörern und Lesern mit hereinzunehmen und – ja! – für sich nutzbar zu machen. Da gibt es dann Uservideos, oder eben Bilder, die es manchmal sogar bis in die Zeitung schaffen. Wer hätte das gedacht, dass es einmal eine Zeitung geben wird, die zu 100 Prozent von Usern gemacht wird und dennoch zwemal die Woche gratis im Postkasten steckt? Gibt es nicht? Gibt es schon, im deutschen Gießen!

Die Studie zeigt auf, dass Journalisten User generierte Inhalte in stärkerem Ausmaß nachfragen, als PR-Agenturen diese bereitzustellen in der Lage sind. Aber sollte man hier nicht noch einen Schritt zurück gehen? Ich denke ja und stelle die Frage, ob sich PR-Agenturen der Bedeutung von User generierten Inhalten – die ihre Rolle ja in Frage stellen – überhaupt ausreichend im Klaren sind? Und genau diese Frage möchte ich diskutieren. Sind sich Agenturen darüber im Klaren, was gerade passiert oder blocken sie es nicht viel lieber nur ab, da es sie in Wirklichkeit ja unter Druck bringt? Dies natürlich nur dann, wenn sie sich an die Rolle des Informations-Türstehers klammern, der bestimmt, wer, wann, was über welchen Kanal zu hören bekommen oder sagen darf.

Die Diskussion und die Nachfrage User generierter Inhalte rüttelt meiner Meinung nach am Selbstveständnis der ganzen PR-Branche. Und Erschütterungen sind das Letzte, das man in wirtschaftlich schwierigen Zeiten braucht, oder? Für mich belegt die oben gezeigt Folie klar und deutlich, dass sich die Rolle von PR im Wandel befindet. In einem Wandel, der sich nicht länger wegdiskutieren, beschönigen oder gar umkehren lässt.

Der einzelne PR-Treibende hat sich heute als Ermöglicher kommunikativer Prozesse zu begreifen und seine Türsteher-Mentaltität grundlegend zu überdenken (Motto: "Stellen Sie die gewünschten Inhalte bereit und gehen Sie dann aus dem Weg!") Solange dies nicht passiert, wird PR am Markt – oder noch viel schlimmer: an den Realitäten des Marktes – vorbeikommunizieren und wichtige Dialogpartner nicht in jener Qualität ansprechen können, wie sie es vielleicht hätten. Über das Thema Glaubwürdigkeit von PR reden wir ein ander Mal!

Bewegtbildstudie als Download:Download Bewegtbildstudie2008-Ergebnisbericht-UniLeipzig.pdf

Weitere Stimmen zur Studie aus dem Netz:
PR-Blogger Klaus Eck
Das Meinungsmacher-Blog
Media Coffee Blog

Und wer bis jetzt durchgehalten hat kriegt Bewegtbild :)

http://www.youtube.com/v/0JALOwCIt7w&hl=en&fs=1

Ein Gedanke zu “PR mit User generierten Inhalten überfordert

  1. Studie „Bewegtbildkommunikation im Internet – Herausforderungen für Journalismus und PR“

    Die Universitt Leipzig hat unter Leitung von Prof. Dr. Ansgar Zerfa (Kommunikationsmanagement) und Priv.-Doz. Dr. Harald Rau (Journalistik) mit dem Partner news aktuell die Bewegtbildstudie 2008 (Empirische Untersuchung zur Nutzung v…