Haben PR-Kampagnen ausgedient?

19. November 2008"Web 2.0: Große PR-Kampagnen sind überflüssig geworden" so steht es im von mir sehr geschätzten Newsletter des PR-Journals (das irgendwie keiner zu lesen scheint, warum gibt es hierzu noch immer …


"Web 2.0: Große PR-Kampagnen sind überflüssig geworden" so steht es im von mir sehr geschätzten Newsletter des PR-Journals (das irgendwie keiner zu lesen scheint, warum gibt es hierzu noch immer keine Kommentare??!). Kein Fragezeichen, kein entschärfender Untertitel. Einfach so. Man könnte denken, dass dies einfach so hingeschrieben wurde, wie es gemeint ist. Hm… Im Artikel selbst wird dann auch Markus Hübner von Brandflow zitiert. Wie ich gerade über Twitter von ihm höre, leider nur nicht richtig. Ja, das soll vorkommen. Ist aber gut, dass ich das jetzt weiß: Das Zitat lautet:

"Kein anderer Kommunikationskanal ist derzeit so zeitnah wie das Web 2.0. Große
PR-Kampagnen sind dadurch überflüssig geworden. Wer heute ein bestimmtes Thema
verbreiten will, kann dies innerhalb kürzester Zeit sehr effektiv und
kostengünstig im Web tun und erzielt dabei sogar ein weltweites Echo"

das ist verkürzt. Gemeingefährlich würde ich sagen. Markus' unverkürzte Aussage lautet nämlich

"Kein anderer Kommunikationskanal ist derzeit so zeitnah wie das Web 2.0. Große
PR-Kampagnen im klassischen Sinn sind dadurch überflüssig geworden. Wer heute ein bestimmtes Thema
verbreiten will, kann dies innerhalb kürzester Zeit sehr effektiv und
kostengünstig im Web tun und erzielt dabei sogar ein weltweites Echo"

und damit kann ich ja schon mal viel besser leben wie mit der verkürzten Fassung. Sauer stößt mir bei dem Interview, oder sagen wir es so, beim darüber verfassten Artikel auf, dass Social Media hier meiner Meinung nach als Transportkanal in eine Richtung dargestellt werden. So nach dem Motto: Firmen können sich sozialer Medien dafür zunutze machen, ihre oder ihnen als genehm erscheinende Themen zu verbreiten. Und mich kotzt an, wenn Firmen genau dies tun. Die haben nämlich so rein gar nichts verstanden, meinen aber, dass sie voll trendy mit dabei sind im sozialen Web. In diese Richtung beispielsweise lese ich folgende Aussage:

"Das
Web 2.0 ist eine Form der vernetzten Kommunikation, die sich ideal dafür eignet,
Themen und Inhalte schnell und effizient zu verbreiten"

Das ist natürlich richtig. Meiner Meinung nach aber brandgefährlich, da hiermit auf Seiten der klassischen Agentur-Denker schnell der Eindruck entstehen könnte, das ganze Social Web Vehikel eh schon wieder verstanden zu haben. Pitsch-Patsch! Weiter zum Tagesgeschäft! Das Gegenteil ist der Fall. Und ich vertrete nach wie vor die Ansicht, dass viele Agenturen die durch Social Media entstandene neue Kommunikationsumgebung und die für sie daraus erwachsenen neuen Aufgabenstellungen noch nicht annähernd begriffen haben.

Aber zurück zum vollständigen Zitat und zur Frage, ob PR-Kampagnen im kassischen Sinne durch Social Media wirklich außer Mode gekommen sind. Es ist natürlich fetzig, so zu argumentieren. Aber ist hier nicht der Wunsch Vater des Gedankens?

Ich danke, dass heute und auch weiterhin Milliardenbeträge in Public Relations Maßnahmen gepumpt werden. Warum? Weil PR als Dienstleistung nachgefragt wird, es dafür also einen Markt gibt. Neues Internet hin oder her. Wie nachhaltig PR handelt, wie sehr oder besser wie wenig sie mit ihren Botschaften integrierend hadelt, wenn sie den neuen Rahmen in dem sie heute mit Dialogpatnern interagieren soll, so wenig mitdenkt, ist eine andere Sache.

Ich denke, dass PR Kampagnen bzw. PR Kampagnen im klassischen Sinne nach wie vor ihre Berechtigung haben und auch weiterhin haben werden. Ja, wir leben in vernetzten Zeiten aber fragen wir uns doch hin und wieder auch mal, in welcher Zeit viele unserer Dialogpartner leben. Mir tut das manchmal sehr gut und schärft meine Sinne.

Klar redet der PR-Manager heute nicht mehr "nur" mit Journalisten. Die Akteure, die Ansprech- und Dialogpartner strategischer Kommunikation (oftmals Desinformation…) haben sich diversifiziert und wollen dennoch oder gerade deshalb! individuell adressiert werden. Und wenn mir jemand erzählt, Social Media Releases wären in erster Line für Journalisten gedacht, den muss ich sowieso auslachen. Aber schauen wir uns diesen, für die klassische PR so überaus wichtigen Stakeholder, den Journalisten, einmal genauer an. Wenn wir das nämlich tun, werden wir erkennen, dass große PR-Kampagnen 2008/2009 längst nicht ausgedient haben. Noch nicht.

Ein Gedanke zu “Haben PR-Kampagnen ausgedient?

  1. Auch wenn das Interview bzw. der Artikel nicht das Gesagte genau inhaltlich wiedergibt, freu ich mich zu sehen, daß Du Dich dem Thema annimmst.
    Das PR im Orchester der Kommunikationskanäle nach wie vor eine wichtige und unumgängliche Komponente ist, denke ich wird jeder aus der eigenen Praxis nachvollziehen können. Ob man nun mit dem Internet aufgewachsen ist oder nicht.
    Dennoch hat sich natürlich gerade in den letzten 15 Jahren viel verändert. Im Interview habe ich noch weit mehr Zusammenhänge zwischen klassicher PR und PR „im Wandel der Vernetzung“ erzählt. Inhalte die es leider ebenso wenig in den Artikel geschafft haben wie die Zusammenhänge zwischen Social Media und begleitender (klassischer) PR. (Sogar soweit, dass sie wie Du richtig angemerkt hast schon teilweise aus ihrem Zusammenhang gerissen sind).
    Ich denke heutzutage zählt es noch mehr wirklich relevante Inhalte & Stories zu erzählen. Die „automatische Reinigung / Filterung“ von Informationen trägt ihr übrigens dazu bei, dass wahrlich relevante Inhalte automatisch ihren Weg durch die weltweiten Infokanäle finden. Das allgemeine Blabla hingegen schafft es nichtmal eine Ebene weiter und versiegt in den weiten des Internet.
    Alle Agenturen sind zuerst einmal aufgerufen sich diesem Wandel zu öffnen. Das ist ein vielschichtige Evolution. Das sage ich nicht weil ich schon über 15 Jahre diese Entwicklung des Internet und der Digitalisierung hautnah begleite sondern weil es für das Verständnis und die zielgerichtete Herangehensweise weit mehr braucht als irgendwelche Tools oder Checklisten.
    Ich würde auch soweit gehen zu sagen, dass nicht einmal die meisten „digitalen Agenturen“ Social Media / Social Web verstanden haben. Viel zu sehr ist man noch mit linearen Modellen im operativen Geschäft behaftet.
    Das einstige „information at your fingertips“ hat sich zu „power at your fingertips“ weiterentwickelt. Eine Macht die viele Marken leider noch ungenützt lassen bzw. erschreckenderweise sogar negative Auswirkungen haben weil man die Kommunikationsinstrumente voreilig und fehlerhaft eingesetzt hat.
    Wenn ich mir vergangene und aktuelle Aussagen von klassischen Agenturen vor Auge führe (JvM als Klassiker), wird der Prozess bis sich diese Veränderung auch im Kommunikationsalltag integriert hat noch viel, viel Aufklärungsarbeit brauchen.
    Im offenen Brief von Martin Oetting (http://www.connectedmarketing.de/cm/2008/10/offener-brief-a.html) sowie in den Kommentaren finden sich auch einige Ansatzpunkte.