Pressearbeit im Zeitalter eierlegender Wollmilchsäue

27. November 2008Kommt der ORF oder kommt er nicht? Diese bange Frage stellen sich in Österreich viele Pressereferenten und PR Arbeiter vor Beginn der Pressekonferenz. Ich war sogar schon mal dabei, als …


Kommt der ORF oder kommt er nicht? Diese bange Frage stellen sich in Österreich viele Pressereferenten und PR Arbeiter vor Beginn der Pressekonferenz. Ich war sogar schon mal dabei, als ein Politiker die bereits begonnene Pressekonferenz kurzerhand stoppte und mit seinem Sermon noch einmal von vorne begann, als das Kamerateam vom ORF mit 15 Minuten Verspätung eintraf. Die anwesenden Hörfunk- und Printjournalisten waren darüber weniger amused. Aber der ORF ist schließlich der ORF, die noch immer wichtigste Medienorgel des Landes. Bist du hier im Bilde, sehen es wirklich alle. Die PR-Maßnahme, das Pseudo-Event Pressekonferenz und damit der Job des pressearbeitenden PR-Menschen war erfolgreich. So einfach ist das. In Zukunft wird der ORF wohl selten kommen. Sparen ist angesagt.

Wie ich hier lese überlegt der ORF nun den Einsatz eierlegender Wollmilchsäue um so Personal und damit Kosten zu sparen. Waren die Teams des ORF bei Pressekonfernezen und dergleichen früher zu dritt vor Ort (Redakteur, Kameramann und Kameraassistent) könnte man sehr bald auf Einpersonenbetrieb umschalten. In Anlehnung an DJ's, die das Partyvolk am Dancefloor in Stimmung bringen, sollen beim ORF nun VJ's zum Einsatz kommen. Ihre Jobdescription lautet schlicht und ergreifend, das tun was vorher drei gemacht haben und das eingesammelte Material zurück in der Redaktion fix fertig zu cutten. Wird schon irgendwie gehen, wetten?! In Zeiten wie diesen wird sich doch wohl kein Mensch ernsthaft über die Maßnahme aufregen. Und außerdem: Kämpfen nicht auch die Printmedien mit hohen Kosten, Rückgängen im Anzeigengeschäft und sich abwendenden Medienkonsumenten?

Was aber haben ausgedünnte Redaktionen, die immer seltener die Zeit für eine ordentliche Recherche haben und statt dessen viel lieber Herrn Google fragen, was haben Einmann-Videojournalisten, die es nun offensichtlich bald beim Österreichischen Rundfunk geben wird mit der Kommunikation von Unternehmen zu tun? Sehr viel wie ich meine.

Die Pressearbeit, das aktive Anbieten von Geschichten und professionell aufbereitetem Material bleibt wichtig und wird in seiner Bedeutung wohl zunehmen. Klar, wenn Journalisten zu Infobrokern mutieren, die kaum mehr die Zeit für ein (Hintergrund-) Gespräch vor Ort haben, die alles quadratisch, praktisch, mundgerecht und vor allem schnell haben wollen, muss sich das Unternehmen in seinen Kommunikationsanstrengungen anpassen. Mehr als das. Es muss sich neu denken, es muss in weiterer Folge neue Distributionskanäle für neue Inhalte aufmachen, um die steigende Nachfrage der Medien entsprechend befriedigen zu können. Und wenn dann eines Tages einmal auch der VJ ausbleibt, na dann drehen wir unsere Videos halt im Notfall selber – ein Umstand den die PR-Banche nicht erst seit der Bewegtbildstudie verinnerlicht haben sollten – und stellen diese Inhalte so bereit, wie wir heute Presseaussendungen bereitstellen. Für die bequemen unter unserer journalistischen Dialogpartner sogar (noch) per Fax.

Vielleicht hat das Sparen des ORF aber auch andere Gründe. Hartnäckig hät sich in ORF-Kreisen das Gerücht, einer der beiden Kanäle (ORF 1 oder 2) könnte zu Geld gemacht und verkauft werden. Und eine Braut, die infolge massiv reduzierter Personalkosten annähernd schwarze Zahlen schreibt, macht sich allemal besser als ein defizitäres Unternehmen dem die Werbekunden wegbrechen. Was wohl ORF Stiftungsrats-Chef Klaus Pekarek von einer solcherart behübschten Braut halten würde? Ob er am Ende selbst kaufen will? Sein Eintreten für eine Teilprivatisierung des ORF kann sicher auch so verstanden werden. Von Schelmen natürlich nur.

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