Online Reputation: Digitale Keuschheitsgürtel für MitarbeiterInnen sind kontraproduktiv!

19. Juni 2009Laut Wikipedia hat das kleine Kaff Bozeman in Montana USA ein wenig mehr als 27.000 Einwohner. Und für alle die wie ich den Ortsnamen noch nie gehört haben: Er liegt etwas …


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Laut Wikipedia hat das kleine Kaff Bozeman in Montana USA ein wenig mehr als 27.000 Einwohner. Und für alle die wie ich den Ortsnamen noch nie gehört haben: Er liegt etwas nördlich des Yellowstone Nationalparks. Was Bozeman für mich aufs Radar gebracht hat ist eine Story, die mit der Stadtverwaltung und im weiteren Sinne auch mit dem Thema Digitale Reputation zu tun hat. Leute, die sich nämlich bei der Stadtverwaltung um einen Job bewerben, werden nicht nur auf ihren online Ruf hin abgeklopft – das macht heute schließlich schon jeder Pizzabäcker mit seinen Bewerbern – nein, sie werden auch darum gebeten alle ihre Login-Daten für die von ihnen benutzten Social Networks bekannt zu geben. Das lese ich zumindest hier auf der Homepag der Montana News Station, die aus den zu unterschreibenden Papieren zitiert:

"Please list any and all, current personal or business websites, web pages or memberships on any Internet-based chat rooms, social clubs or forums, to include, but not limited to: Facebook, Google, Yahoo, YouTube.com, MySpace, etc.," the City form states. There are then three lines where applicants can list the Web sites, their user names and log-in information and their passwords.

Das sollten Bewerber um einen Stadt-Job unterschreiben, was natürlich extrem heavy ist, wie kommt die Stadtverwaltung dazu, in meinen Profilen herumzuschnüffeln??

Lernen kann man aus diesem Beispiel trotzdem eine ganze Menge, wobei mich hier und jetzt vor allem die Rolle des Besetzenden Unternehmens interessiert. Klar hat dieses ein vitales Interesse daran, aus ihrer Sicht geeignete Bewerber auszuwählen, damit ihnen Beispiele wie jenes von Domino's Pizza erspart bleiben. Was aber tun? Wie richtig vorgehen oder anders gefragt: Wie wildgewordene Human Resources an die Leine nehmen, die durch dermaßen unsensibles Verhalten offensichtlich Schaden anrichten. Hier beißt sich die Katze nämlich in den Schwanz: Die übereifrige Stadtverwaltung von Bozeman ist um ihre Reputation besorgt und ist – logischerweise – interessiert an einer möglichst weißen Weste ihrer Bewerber. Heraus kommt jedoch ein Reputationsschaden für die Stadtoberen selbst, die mit ihren überzogenen und wie ich denke zu wenig reflektierten Forderungen nun dumm aus der Wäsche gucken. Das hätte es nicht gebraucht!

Bewusstsein für Online Reputation ist wichtig und nötig
Übers Ziel jedoch hinauszuschießen wie im vorliegenden Fall, kann sich wiederum negativ auf die Reputation von Personen und Marken auswirken. Stellen wir uns einmal vor, die kleine Stadt in Montana ist auch als Internetprovider am Markt vertreten. Wollen sie jemanden wirklich als Provider, der von Bewerbern die Passwörter zu ihren Web 2.0 Plattformen fordert?

Das Gegenteil von gut ist gut gemeint
Wenn ich mir die Social Media Policies einiger Unternehmen ansehe, die Bewerber gemeinsam mit ihren Arbeitsverträgen zu unterschreiben haben, so wundere ich mich nicht selten. Wäre ich Bewerber, so wäre für mich die Sache klar. Ich mach um das "böse" Soziale Internet einen weiten Bogen. Schließlich kann alles was ich hier tu und lasse kommenden Montag Morgen am Schreibtisch des Chefs landen. Also mach ich mal gar nichts. Ich bin ja bloß angestellt. Basta. Diese Sichtweise, und sie ist in einigen mir bekannten großen Unternehmen häufig anzutreffen, kann dann aber auch nicht im Sinne des CEO's liegen.

Motivation statt De-Motivation
Ich habe neulich irgendwo gehört, das Mitarbeiter gar nicht großartig motiviert werden können. Chefs sollten sich statt dessen viel lieber darum bemühen, sie nicht zu demotivieren. Darüber kann man jetzt vortrefflich streiten, ein Quentchen Wahrheit hat das ganze aber auf jeden Fall. Das was manche Unternehmen im guten Glauben und in Hinblick auf ihre Online Reputation gegenüber Mitarbeitern vom Stapel lassen ist einfach doof und zeigt genau in Richtung Demotivation. Wenn ich meinen Mitarbeitern nichts zutraue, ihnen nicht VERtraue, dann brauche ich eine Social Media Policy, die eher einem Keuschheitsgürtel gleicht, als einem gemeinsam erarbeiteten und für beide Seiten einfach handhabbaren Rahmen. Und dass es nicht selten Kommunikationsagenturen (!) sind, die ihren MitarbeiterInnen im Social Web Keuschheitsgürtel anlegen, das ist wohl besonders wirr.

Ja, MitarbeiterInnen brauchen für ihr tägliches Handeln im – immer häufiger sozialen – Internet Regeln. Was MitarbeiterInnen jedoch nicht benötigen sind digitale Keuschheitsgürtel garniert mit Hand- und Fußfesseln. Das greift zu kurz und ist aus Sicht der Unternehmenskommunikation zudem schlicht und einfach kontraproduktiv.

4 Gedanken zu “Online Reputation: Digitale Keuschheitsgürtel für MitarbeiterInnen sind kontraproduktiv!

  1. Die wollen doch nicht schnüffeln – die wollen mit den Mitarbeiterkonten spammen 😉
    (Wobei sich die beiden Optionen nicht ausschließen…)

  2. Bewerbern alle Login-Daten für die von ihnen benutzten Social Networks abzufordern ist zweifellos ein unrechtmäßiger Eingriff in die Privatsphäre. Neben der dadurch wohl erhofften Vereinfachung des Screenens der Social Media-Aktivitäten neuer Mitarbeiter ist die Maßnahme meiner Auffassung nach jedoch ein Indiz dafür, dass Arbeitgeber nach der Vervielfältigung der Social-Media Angebote jetzt offenbar das „Gefahren“-Potential derartiger Aktivitäten ihrer Mitarbeiter erkennen. Nach den Diskussionen um die Nutzung von Privat-Handys am Arbeitsplatz und das private Websurfen vom Arbeitsplatzrechner aus wird jetzt demnächst wohl eine ähnliche Diskussion um private Social Media-Aktivitäten während der Arbeitszeit losbrechen. Aber aufgepasst: Der Gebrauch von Handys ist längst ebenso im Sinne des Arbeitgebers wie das Surfen im Web für einen großen Teil der Arbeitsplätze heute eine Selbstverständlichkeit. Arbeitgeber sollten sich deshalb vielmehr überlegen, wie sie Social-Media-Aktivitäten ihrer Mitarbeiter in ihre Unternehmens-Kommunikationsstrategie integrieren – zumal die Kompetenz dafür bei vielen Mitarbeitern offensichtlich vorhanden ist. Der frühe Vogel fängt hier wie fast überall den Wurm…
    Agathe Freudl
    Inhaberin der Kommunikationsagentur Freudl & Friends, Karlsruhe

  3. vorsicht Ed, das ist unglücklich zitiert, du hast genau folgenden auszug aus dem originalartikel vergessen:
    „There are then three lines where applicants can list the Web sites, their user names and log-in information and their passwords.“
    weil sonst steht nur „list any and all“ und da stand noch nix von wegen login-daten!