GPRA: Diskussion am schmalen Grad

3. Dezember 2010Hier war es etwas ruhig in den letzten Tagen und Wochen. Warum? Weil es eine Facebook Fanpage gibt, die mir Blog-Aufmerksamkeit weg knabbert, mir Twitter einen zweiten Frühling schenkt (oder …


Hier war es etwas ruhig in den letzten Tagen und Wochen. Warum? Weil es eine Facebook Fanpage gibt, die mir Blog-Aufmerksamkeit weg knabbert, mir Twitter einen zweiten Frühling schenkt (oder wohl besser ich ihm…) egal. Ich durfte heute eine online Diskussion der GPRA (Gesellschaft für Public Relations Agenturen) zum Thema „Die Freiheit von Social Media“ verfolgen. Auf meinen zusammenfassenden Tweet hin meldete sich Hubertus Von Lobenstein ebenfalls mittels Tweet. Fand ich übrigens toll. So von wegen zuhören und so. Da meine Antwort aber nicht in 140 Zeichen passt entschloss ich mich zu einer E-Mail. Nachdem diese jedoch gut zusammenfasst, wie ich die Debatte fand und was mir fehlte finde ich, dass ich das E-Mail an Herrn Von Lobenstein ruhig auch hier posten kann. Ihn wird es hoffentlich nicht stören und mein Blog freut sich wieder mal über ein wenig Content / Gespräche. Hier also mein E-Mail.

Hallo Herr Von Lobenstein,

die Überschrift d. h. eigentlich die Subheadline zur heutigen Veranstaltung war schon vielversprechend. „Warum Social zumeist Marketing bedeutet“. Das ist ein wichtiges Thema für mich. Zu meinem Hintergrund. Ich war Parteisprecher, später in einer größeren PR- und Lobbying Agentur beschäftigt bevor ich mich im 2/2007 auf eigene Beine stellte. Aber um auf ihre konkrete Frage „Was ging ab“ zurückzukommen: Ich hätte gerne diskutiert gehabt, ob die PR-Branche mit dem Thema Social Media nicht viel zu zögerlich umgeht. Das ist nämlich mein Eindruck zumindest in Österreich. Eigentlich auch jener für Deutschland, aber diesen Kommunikationsmarkt kenne ich zu wenig.

Was ist sehe ist, dass Marketer, Webdesigner und SEO-Spezialisten jetzt einen auf Online-Kommunikation / PR / online PR machen und viele klassische Kommunikationsagenturen nicht recht wissen, wie sie genau mit diesem Umstand umgehen sollen. Das wäre interessant gewesen ein wenig anzudiskutieren. Wer nimmt sich dem Thema Kommunikation im Internet eigentlich an und vor welchem Hintergrund? Jeder macht jetzt Facebook. Warum? Und mit welchen Zielsetzungen, mit welchen Inhalten? Das sind doch Fragestellungen, mit denen sich die PR seit Jahrzehnten beschäftigen. Warum machen viele jetzt einen Bogen um online Kommunikation nur weil das alles angeblich so neu, so unüberschaubar geworden ist?

 

Und das Thema Zuhören ist natürlich ein wichtiges. Aber ich kann es in Wirklichkeit nicht mehr hören. Ich geh jetzt bewusst ein wenig weg von der heutigen #EarlyBird Diskussion aber es ist auch unter PR-Treibenden viel Blabla dabei. Wenn sich das Thema „Zuhören“ alleine auf ein „Jaja, wir müssen das tun, ist wichtig, etc.“ erstreckt, dann kratzt man nicht mal an der Oberfläche. Wie hören wir zu, mit welchen Tools, wer im Unternehmen hört zu? Wie bewerten wir was wir hören? Welche Maßnahmen schließen sinnvollerweise daran an? etc. Solche Fragestellungen sind 2010/2011 doch viel interessanter finde ich.

Es ist meiner Meinung nach ein schmaler Grad wenn man über PR im Zusammenhang mit Social Media diskutiert. Auf der einen Seite jene die sagen, lassen wir die Kirche mal schön im Dorf, es wird alles nicht so heiß gegessen wie gekocht, also jene, die eher zum Abwarten tendieren, sagen, das klassische PR-Rüstzeug ist immer noch wichtig (was ich auch unterschreibe). Viele die das sagen, wolle meiner Meinung nach aber vor allem eines. Nämlich das Thema so lange wie möglich vom Tisch bekommen. Warum? Weil sie keine Lust haben sich damit zu befassen, weil sie nicht davon überzeugt sind, weil sie sich vor jüngeren KollegInnen ungern was sagen lassen oder sich eine Blöße geben wolle, warum auch immer. Und dann gibt es die anderen, die völlig überzogen hypen und sich daran erfreuen, dass niemand sie versteht. Schon gar kein Branchen-Kollege.

 

Ich bin, erraten, für einen Weg dazwischen. Ist aber egal. Um mich geht es nicht. Zusammenfassend war die Diskussion meiner Meinung nach ein guter Start in ein sehr breites Thema. Man darf ja nicht vergessen, wo viele in unserer Branche heute noch immer stehen. In Details kann man später immer noch gehen bzw. sich darin verlieren. Man darf andererseits aber auch nicht vergessen, welch thematische Tiefe das Thema Social Media für die Public Relations bereits heute besitzt. Es ist unsere verdammte Pflicht uns dieses Themas anzunehmen. Ansonsten verlieren wir jede Legitimation dem Kunden die für ihn beste Lösung anzubieten, seriös zu beraten, etc. Und wundern darüber, dass uns alle möglichen Experten rechts und links überholen und der PR das Thema Kommunikation im Internet abspenstig machen, müssen wir uns dann auch nicht mehr.

 

Ich freue mich über eine Dialog mit Ihnen und allen anderen die das zufällig lesen und eine Meinung dazu haben.

 

Mit freundlichen Grüßen aus Klagenfurt,

Eduard Wohlfahrt

 


Ein Gedanke zu “GPRA: Diskussion am schmalen Grad

  1. Lieber Herr Wohlfahrt,
    bei dem thematischen Rundumschlag ist es schwer, sich entsprechend zu fixieren…… Grundsätzlich erst einmal: Der Weg dazwischen, also der berühmte Mittelweg ist erst einmal immer der richtige. Andererseits: Im Krieg und in der Not ist der Mittelweg der Tod! Und deshalb gibt es einige Antworten, die für mich mittlerweile gesetzt und entschieden sind:
    1. Ohne Zuhören kein Social Media. Eine Marke, die nicht zuhören kann, hat in Social Media nichts verloren. Und wie hört man zu? Mit einer Mischung aus großem Netzwerke-Schleppnetz und dem gezielten Einsatz einzelner Harpunen, d.h. Einsatz vorhandener technischer Lösungen, um sortiert nach search words den großen digitalen Teich nach Unterhaltungen zu Themen rund um die Marke abzufischen und gezielte, mechanische Einzelverfolgung interessanter Leads, um mehr über deren digitales Verhalten und die sich daraus ergebende Erreichbarkeit zu lernen.
    2. Social Media ist nicht PR. Auch nicht Werbung oder CRM. Social Media ist eine Haltung. Es ist die unternehmensseitig erklärte Bereitschaft zu einem Dialog auf Augenhöhe. Wer den nicht führen will, sollte die Finger von Social Media weglassen. Die Verantwortlichkeit für Social Media Aktivitäten sollte im Unternehmen demzufolge dort aufgehängt sein, wo das größte Talent zur Dialogfähigkeit zu vermuten ist. Das kann, muß aber keinesfalls die PR-Abteilung sein! Dabei geht es grundsätzlich um zwei verschiedene Stellenbeschreibungen. Erstens wäre da der Social Media Manager. Dessen Talent sollte in der Auswahl und Kombination der richtigen Plattformen liegen, auf denen die jeweils ins Auge gefasste Audience sich bewegt. Heißt also, hier ist Zielgruppenwissen, Medienkanalwissen, Kommunikationswissen gefragt. Solche Menschen sind tendenziell eher in Marketingabteilungen zu finden.
    Und zweitens ist da der Community Manager. Der sammelt,moderiert, managt, pflegt auf Basis des vom Social Media Manager erarbeiteten Plattform- und Audience-Plan die Marken-Community- Hier ist hohe Sozialintelligenz, Talent zur 1:1-Kommunikation und Realzeit-Auffassungsvermögen für Dialoge gefordert. Solche Menschen sitzen tendenziell eher in PR-Abteilungen. Als aus meiner Sicht perfektes Beispiel aus Österreich sei hier die Community Managerin von Palmers (einer meiner Kunden…..), Gudrun Liska genannt.
    3. Es gibt keine Social Media Experten. Woher auch, ist doch dieser Ansatz noch in der pubertären Adoleszenz-Phase. Und solche selbsternannten Social Media-Päpste sind auch nicht nötig. Nötig sind Menschen (auf Unternehmens- wie auf Agenturseite, die in der Lage sind, Marke zu denken und zu leben und daraus Ableitungen treffen, was das für das soziale Verhalten einer Marke, bzw. eines Unternehmens bedeutet. Nötig sind Menschen auf beiden Seiten, die erkennen, das die sozialen Netze vor allem an einem Punkt zu einem tiefgreifenden Wandel der Markenführung führen, nämlich der Frage der Marken-, bzw. Produktrelevanz. Jede inhaltslose Botschaft wird in den Netzen sofort als solche dekodiert, jede Pseudorelevanz eines Produktes sofort enttarnt. Wer hier nicht in der Lage ist, neu zu denken, wird mittel- und langfristig Probleme bekommen.
    Wo finde ich diese Menschen? Wer führt solche Prozesse? Darauf gibt es aus meiner Sicht keine pauschale Antwort. Eins aber ist sicher: Inhaltlichen Führungsanspruch ex cathedra seitens der PR zu reklamieren hat bisher nicht funktioniert und wird es auch in Zukunft nicht. Kunden lassen sich in ihrer von Ihnen richtig geschilderten Unsicherheit nicht durch Ankündigungen, sondern durch praktizierte Kompetenz und konkret erzielte Ergebnisse überzeugen. Das Feld dafür ist weit und offen. Statt theoretische „Disziplin-Diskussionen“ darüber zu führen, sollten wir es einfach mit guter Arbeit nutzen. Am Ende führt dann der, der es am besten kann, egal welchem „Lager“ er angehört.
    Schönes Wochenende und lebhafte Gespräche
    Hubertus von Lobenstein