Online PR mal ganz anders

3. Mai 2011Wie schön war das früher! Da wurden Presseaussendungen verfasst, ins Fax gesteckt, und flugs landeten die vielen schönen Botschaften in den Redaktionen und weiter im Papierkorb. Heute muss man sich …


Wie schön war das früher! Da wurden Presseaussendungen verfasst, ins Fax gesteckt, und flugs landeten die vielen schönen Botschaften in den Redaktionen und weiter im Papierkorb. Heute muss man sich als PR-Arbeiter schon mehr einfallen lassen. Hier fällt mir ein, dass mir ein befreundeter Journalist vor ein paar Wochen den Tipp gab, ihn doch via Twitter anzusprechen, anstatt per E-Mail. „Ed, die lese ich schon lange nicht mehr“, so mein Pressekontakt im Originalzitat. Andere Journalisten wiederum bevorzugen selbstverständlich exklusive Infos über ihren Facebook Account. Ach ja, und um das ganze noch kompliziert zu machen: Es gibt natürlich auch  noch jene Gattung Medienvertreter, die nach wie vor nicht über E-Mail erreichbar sind und ausschließlich (!) Faxe haben wollen. Kein Scherz. Ich kenne einige dieser Spezies und, noch wichtiger, ich richte mich tunlichst nach diesen ihren Wünschen und trabe dann selten aber doch zum Postamt, um das Fax abzusetzen. So weit kann ein PR-Mensch gehen.

Eine britische PR-Agentur geht jetzt noch viel weiter. Nachdem ein Journalist auf wiederholte E-Mails und Anrufe nicht reagiert, drehte man kurzerhand ein Video. Darin fleht die den Etat betreuende PR-Frau Charlotte Horsefall förmlich darum, dass der betreffende Journalist das Produkt ihres Kunden (eine App) in der kommenden Ausgabe ins Blatt rückt. Kieran Alger, so heißt der angesprochene Gatekeeper, reagiert via ziemlich trocken: „Clearly only one way I can respond to @charlotteyeti’s plea. Video camera is out…” Nun gut. Hier mal das Video:

[youtube=http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=S9rKNnahRXw]

Ich schwanke ein wenig hin und her. Einerseits habe ich während der vergangenen zehn Jahre gelernt, dass es gute Gründe dafür gibt, wenn Journalisten eine Story nicht bringen. Das kann einem als PR-Treibenden nun gefallen oder auch nicht. Aber der Job des ist unter anderem jener, geschickt auszuwählen, maßzuschneidern und gezielt anzubieten. Und professionell zu agieren (zu lernen), wenn eines dieser Angebote nicht aufgegriffen und auf ausklappbaren Doppelseiten abgefeiert wird. Andererseits finde ich den Einsatz des Mediums Video maßgeschneidert auf einen besonders wichtigen Ansprechpartner hin doch auch ziemlich gelungen. Da steckt jemand nicht auf, macht sich Mühe, dreht ein Video, lanciert es, etc. Da würde sich so mancher Journalist in unseren Breiten wohl wahnsinnig geschmeichelt fühlen, würde ihm das „passieren“. Das führt mich direkt zum Begriff Wertschätzung. Ehrlich gemeinter Wertschätzung natürlich. Nicht nach der Marke „Dieses blöde Arschloch will auch noch seine vierköpfige Familie mit zur Pressereise nehmen…“ Und ist Wertschätzung nicht auch ein Thema, wenn sich jemand hinstellt und ein Video dreht, in dem er einen wichtigen Medienkontakt gezielt anspricht? Derzeit ist nicht klar, wie genau das Video lanciert wurde. Ob es also gezielt an den Journalisten gerichtet oder gleich für alle einsehbar veröffentlicht wurde.

Ich habe hier am Blog des öfteren gesagt, wie zentral für PR-Agenturen der (kreative) Umgang mit dem Thema Video in vernetzten Zeiten wie diesen ist. FlipCams, YouTube und Vimeo gehören auch in unseren Kreisen längst zum guten Ton. Nur PR-Dinos verweigern sich oder geben vor, dieses Thema nur und ausschließlich mit Video-Profis zu erledigen. In diesem Fall gibt es dann meist hinsichtlich der Reaktionszeit Probleme. Dann nämlich, wenn erst das Kamerateam anreisen muss, der Termin mit dem Kunden abgestimmt und für das Licht die passende Tageszeit abgewartet werden muss. Hier gehen Reiz und Nutzen von Videos für die Unternehmenskommunikation insbesondere im Krisenfall flöten…

Die betreffende PR-Agentur „kann“ also Video. Sie geht über das bekannte Repertoire von PR- bzw. Online-PR weit hinaus. Sie haben was gewagt. Und dafür mal ein großes Bravo. Was mit aber nicht gefällt, ist der bittende, ja flehende Touch, den das ganze im Video bekommt. Manche monierten auch, dass die Vorzüge des Produktes, also warum es sich dabei um eine „Killer-App“ handeln würde zur kurz kommen. Keine Ahnung ob ich den Sarkasmus bloß nicht verstehe…

Was bleibt am Ende des Tages? Ein Journalist der nein sagte und auch angesichts so ausgefeilter Methoden bei seinem nein wird bleiben müssen. Der Kontakt zwischen der betreffenden PR-Frau und dem Journalisten ist nun wahrscheinlich nicht verbaut aber was noch will sich die Agentur nun einfallen lassen? Interessant wäre es auch, zu wissen, wie und ob der Kunde, der diese Vorgehensweise ja letztlich freigab, profitiert. Erhält er nun Publizität ohne Ende und damit Berichterstattung für sein Produkt in anderen Publikationen oder muss er erkennen, dass Strohfeuer landläufig nur wenig Wärme spenden? Fragen über Fragen. Wie bewertet die anwesenden PR-Treibenden diese Aktion. Zukünftiges Rolemodel oder peinliche Übertreibung?

15 Gedanken zu “Online PR mal ganz anders

  1. Pingback: Totterturm » Blog Archive » Social Media und Pressearbeit – Ein kleines Beispiel mit großer Wirkung

  2. Video hin oder her, Journalisten sind ungern ein Sprachrohr der Industrie. Das Kapital eines Journalisten ist das Vertrauen der Leser. Wer sein Produkt ins Blatt bekommen möchte, sollte nicht fragen: Wie kriege ich den Journalisten rum?, sondern: Wie kann ich dem Journalisten helfen, seinen Job besser zu machen?

  3. Also gemaess LEhrbuch waere der richtige weg: wenn du ein schiff bauen willst, frag nicht handwerker nach holz, hammer und seil, sondern mache ihnen lust auf’s meer. Heisst im genannte fall etwa: freunde des journalisten als follower , freunde oder fans gewinnen, diese besorgen den rest…

  4. Nur mal zum Vergleich: Was würdet ihr im Privatleben von jemand halten, der euch vor eurer Wohnung auflauert um sich anzupreisen, nachdem ihr ihn schon mehrere Male habt abblitzen lassen? Jemand, der im Zweifelsfall so interssant ist, dass euch 2 Minuten eurer Zeit zu schade für ihn/sie wären?

    PR hat meiner Meinung nach etwas mit guten Beziehungen (nein nicht mit Klüngeln oder Sex) auf professioneller Ebene zu tun. Diese Beziehungen zeichnen sich dadurch aus, dass der eine etwas zu bieten hat und der andere etwas braucht – und vice versa. Selbstverständlich spielt auch der Faktor Zeit eine Rolle, denn was nutzt der beste Input, wenn der Arikel schon geschrieben ist?

    Ich denke, sowohl PRler als auch Journalisten (und übrigens auch Marken, bzw. die Hersteller) täten gut daran sich in Zeiten von Web 2.0 weniger wichtig zu nehmen. Es geht nicht darum, „irgendwie in die Medien“ zu kommen (was der böse Journalist verweigert) sondern um einen fairen Deal: Gute, zeitgenaue, themenspezifische und gehaltvolle Information gegen qualitätvolle, gut recherchierte und einigermaßen objektive Berichterstattung. Leider herrscht inzwischen großer Zeitdruck. Umso mehr ist der Journalist auf guten und schnellen Input angewiesen. Jeder der mal in einer Redaktion gearbeitet hat, weiss quälende Nichtinformation, Selbstbeweihräucherung und penetrantes telefonische Nachhaken zu hassen.

  5. Ob man hier tatsächlich „Wertschätzung“ hineinlesen kann, weiß ich nicht.
    Ich kann mir dieses Video nur so erklären, dass für die Agentur ‚Aufmerksamkeit um jeden Preis‘ generiert werden sollten – immerhin kennen wir nun alle ihren recht einprägsamen Namen. Die theatralische Geste der vor den Kopf gehaltenen Hand, der flehende Ton – kein PR-Experte kann ernsthaft glauben, dass er/sie so einen guten, nachhaltigen Journalisten-Kontakt etablieren kann, oder? Oder es ist British sense of humour, hinter dem vielleicht eine Vorgeschichte steckt, mehr als der Betrachter von außen sehen oder wissen kann.

  6. Im Prinzip ein nette Idee, wie ich finde. Der flehende Unterton ist, wie schon erwähnt, wahrscheinlich aber eher fehl am Platz.

    Ich würde aber noch ein anderes Argument einwerfen. Journalisten haben in der Regel nicht allzu viel Zeit. Bei einem Video wird man jedoch „gezwungen“ sich das ganze Video anzuschauen um alle Informationen zu erhalten. Auch wenn das Video relativ kurz ist, hat man aber zusätzlich nicht alle relevanten Informationen auf einen Blick vorliegen und kann den Inhalt auch nicht mal eben überfliegen.

    So muss ein solches Video auch immer mit einem dazugehörigen Text verschickt werden, der detailliertere Informationen bietet. Der Journalist möchte sich, falls der Inhalt übernommen wird, ggf. auch direkt textliche Inhalte kopieren. Anders geht es meiner Ansicht nach nicht.

    • das halte ich ebenfalls für einen guten Punkt wobei ich ja glaube, dass all diese Infos längst am Tisch des Journalisten bzw. im seinem E-Mail Postfach waren. Nachdem dies jedoch nicht gefruchtet hat griff man zum Video.

      • Ja, da hast du vollkommen recht. In diesem Beispiel waren ja schon E-Mails vorausgegangen.

        Meinte das aber auch eher generell. Eine erste Ansprache nur per Video wäre nicht besonders effektiv.

  7. Über’s Produkt weiß ich immer noch rein gar nichts außer den Namen. Neugierig gemacht hat’s mich auch nicht. Sonst stimme ich mit Marie-Christine Schindler überein- nice try. Im Übrigen – Nette Potter-Kirche da.

  8. Hi Tapio! danke fürs Reinschaun :) Genau genommen müsste dein letzter Satz lauten „… um bei einem Gadetblatt _nichts_ zu bewegen“. Weil der Journalist nach seinem Tweet bei seiner Meinung wird bleiben müssen.

  9. @Ed: Ford USA hatte mal einen extrem aufwändigen personalisierten Video-Pitch an Autojournalisten gemacht (http://becky-johns.com/2010/pr-pitches-changed/ ), den ich sehr gut fand. Auf meine Miniumfrage per Twitter unter den deutschen Journalisten ergab, dass Ford sich in Deutschland die Arbeit hätte sparen können. Kein deutscher Journalist will in aller Öffentlichkeit eine Sonderbehandlung haben.

    • das ist ein guter Punkt finde ich. Was in einem Kulturkreis funktioniert, muss noch lange nicht in einem anderen klappen. Spannend!

  10. Ganz ehrlich, so charmant die grundsätzliche Idee ist, einen Journalisten individuell per Video anzusprechen, so peinlich ist dieses Video. Es mag lustig gemeint sein, aber nach vielen Jahren Zusammenarbeit mit Engländern kann ich den Spaß oder die Ironie an der Tonalität (unterwürfig ist genau richtig) nicht erkennen.

    Auch die Agentur tut sich damit keinen Gefallen. Gibt sie doch zu, dass sie zu einem anbiedernden Video greifen muss, um bei einem Gadgetblatt was zu bewegen.

  11. Agree. Die persönliche Videoansprache könnte aber zumindest eine interessante Möglichkeit darstellen, oder? Wenn ja, könnte das ja Schule machen. Würde mich jetzt bloß interessieren, wie Journalisten das sehen…

  12. Ich würde sagen „Nice try“. Die Idee mit dem Video ist an und für sich gut, aber ich tue mich auch schwer mit dieser weinerlichen, unterwürfigen Art. So wenig wie sie im Video über ihre Killer App rüberbringt lässt mich auch vermuten, warum der Journalist für sie unerreichbar bleiben möchte.