Pharma auf Facebook: Zur Kommunikation verdammt

14. September 2011Dass Pharmafirmen aus sozialen Medien fliehen würden, lese ich vor einigen Tagen in der Welt-Online. Im Artikel steht dazu unter anderem Mehr noch, seit dem 15. August gelten neue Nutzerregeln …


Dass Pharmafirmen aus sozialen Medien fliehen würden, lese ich vor einigen Tagen in der Welt-Online. Im Artikel steht dazu unter anderem

Mehr noch, seit dem 15. August gelten neue Nutzerregeln für Facebook-Konten. Von nun an müssen Firmen, auch die der Pharma-Branche, Kommentare auf ihren Facebook-Seiten zulassen.

Und das ist für mich aus PR- und Kommunikationssicht schon wirklich spannend. Also ging ich der Sache nach. Benedikt Fuerst, der Autor des Welt-Artikels war so freundlich, mir auf Anfrage hin seine Quellen zu nennen. Und hier lerne ich, dass Facebook an Big-Pharma E-Mails geschickt hat, aus denen ich hier kurz zitieren will.

I’m reaching out to inform you of a policy change regarding pharma Pages on Facebook that may affect one or more of your brand Pages. As you know, Facebook Pages are a free product for organizations, public figures, businesses, and brands to express themselves and have an authentic, engaging, two-way dialog with people on Facebook (…). Starting today, Facebook will no longer allow admins of new pharma Pages to disable commenting on the content their Page shares with people on Facebook. Pages that currently have commenting disabled will no longer have this entitlement after August 15th. Subject to Facebook’s approval, branded Pages solely dedicated to a prescription drug may (continue to) have commenting functionality removed (…).

 

Die Sache mit (verschreibungspflichtigen) Medikamenten ist natürlich alles andere als unheikel. Hierzu auch ein guter Post am Public Affairs Blog, der die Hintergründe dazu beleuchtet. Man stelle sich nur mal vor, Fans geben sich gegenseitig via Facebook Ratschläge, wie sie ihre Wehwehchen mit Medikamenten des Unternehmens kurieren, welche Dinge wie zu dosieren sind, etc. Alles also extrem heikel.

Seiten, die sich ausschließlich um ein verschreibungspflichtiges Medikament drehen, können weiterhin bei einer abgeschalteten Kommentarfunktion bleiben. Klassische Brand Pages von Pharmafirmen jedoch MÜSSEN ab nun Kommentare zulassen. Ein Umstand, der für einigen Wirbel in der Branche sorgte und dazu, dass Firmen wie Bayer oder Johnson&Johnson ihren Facebook Pages kurzerhand den Stecker zogen. Und eine Facebook Page kann bekanntlich nicht temporär stillgelegt werden. Einmal löschen ist für alle Zeit löschen.

Am Common Sense Blog fiel mir diese Szenarienanalyse in die Hände, die sich genau mit diesem Umstand aus Sicht von Pharmafirmen beschäftigt. Sie geht der Frage nach, was die geänderte Kommentar-Policy für Pharma bedeutet und wie es nun weitergehen kann. Natürlich gibt es eine gewisse Bandbreite an Möglichkeiten darauf will ich aber nicht hinaus.

Ich frage mich, ob dieses Beispiel Schule machen könnte. Derzeit ist es ja immer noch möglich, als Page-Admin festzulegen, was meine Fans „dürfen“. Und es gibt genügend Beispiele davon, dass Fans nicht überall alles tun / posten dürfen. Facebook sieht sich als offenes Forum, in dem offen kommuniziert werden kann und neuerdings soll. Warum? Weil dieser offene Dialog Facebook nicht zuletzt Geld in die Kassen spült. Je mehr Leute sprechen, desto mehr Linkes, desto höher die Verweildauer und desto mehr Möglichkeit dann auch, Werbung an den Mann und an die Frau zu bringen…  Facebook hat also ein vitales Interesse daran, dass auf der Plattform Dialoge stattfinden und – damit einhergehend – dass sich Betreiber dieser Pages diesem Dialog auch wirklich aussetzen. Tun sie das nicht, werden sie dazu schlicht gezwungen. Und das ist harter Tobak. Oft bleibt dann nur noch der geordnete Rückzug, wie ihn einige Firmen bereits vollzogen haben und noch viele andere vollziehen werden.

Ich hab mich vor längerer Zeit mit der Globalstrategie der Clinton-Administration beschäftigt. Also welche Zielsetzungen verfolgen die USA globalpolitisch. Erstes und wichtigstes Ziel war bzw. ist es, die Demokratie zu verbreiten. Möglichst weltweit. Western Values, offene Märkte, etc. Bringt den Leuten in Diktaturen Freiheit. Der US Wirtschaft aber vor allem auch Zugang zu deren Märkten… An dieses Beispiel fühle ich mich ein wenig erinnert, wenn nun Facebook Unternehmen dazu zwingt, sich dem Dialog zu stellen. Dialog ist gut für Facebook. Aber ist Dialog auch gut für jedes Unternehmen auf Facebook?

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