Causa Birnbacher: Massive Schockwellen in Sozialen Medien

26. Juli 2012Kärnten versinkt im Korruptionssumpf. Soweit so klar. Steuerberater Birnbacher hat sich erleichtert und dem Land nun wirklich einen Dienst erwiesen. Er hat ausgepackt. Das kann all jenen nur recht sein, …


Kärnten versinkt im Korruptionssumpf. Soweit so klar. Steuerberater Birnbacher hat sich erleichtert und dem Land nun wirklich einen Dienst erwiesen. Er hat ausgepackt. Das kann all jenen nur recht sein, die jetzt reinen Tisch machen wollen. Aber hier gehts nicht um Emotion sondern um die Frage, wie die Kärntner Parteien mit diesem Thema umgehen.

Ich habe mir zweierlei angesehen. Einerseits, wie die Kärntner Parteien auf die pikanten Enthüllungen über soziale Medien reagieren. Andererseits, ob und wenn ja, wie sich das politische Erdbeben in sozialen Medien niederschlägt bzw. wie sich die Kärntner Parteienladschaft in der Krisenbewältigung sozialer Medien bedient.

Disclaimer: Mag. Ed Wohlfahrt ist Berater für Soziale Medien in Klagenfurt und war zwischen 2000 und 2003 Pressesprecher der ÖVP Landesparteileitung.

Dass Bürgermedien wie Facebook, Twitter aber auch die Kommentarfunktion in Foren und auf den Homepages von Tageszeitungen in der Berichterstattung über die Hypo-Causa eine zentrale Rolle spielen, wird etwa bei der Kleinen Zeitung sichtbar. Auf entsprechende Berichte auf der Homepage gibt es derzeit 776 Kommentare. Kommentieren kann hier wohlgemerkt nur jemand, der auch über ein Passwort verfügt. Der Grad an Erregung dürfte also noch ein wesentlich höherer sein. Wie jedoch sehen die Nennungen in sozialen Medien im Einzelnen aus und welche Learnings lassen sich daraus ableiten.

Korruptions-Causa dominiert Berichterstattung
Hier wurden alle Nennungen in sozialen Medien während des vergangenen Monats zum Begriff „Kärnten“ (Inustry) jenen Nennungen gegenüber gestellt, in denen eines oder mehrere der Begriffe „Martinz“, „Rumpold“, „Scheuch“, „Dobernig“, „Birnbacher“, „FPK“, „Freiheitliche Partei Kärnten“ und „Kärnter Volkspartei“ bzw. „ÖVP Kärnten“ (Brands) vorkommen. Es zeigt sich folgendes Bild:

An insgesamt fünf Tagen des vergangenen Monats dominiert die Berichterstattung zur Causa Birnbacher/Hypo die Nennungen zum Bergriff Kärnten, einmal davon massiv. Am stärksten wird der Konnex zwischen dem südlichsten Bundesland und der unappetitlichen Causa gestern, dem 25. Juli 2012, an dem Birnbacher sein Geständnis ausdehnt und Ex-Landesrat Martinz als Parteiobmann zurücktritt. Fazit: Die derzeit über Kärnten stattfindenden Online Gespräche (Facebook, Twitter & Co) werden massiv von der Birnbacher-/Hypo-/Korruptions-Causa überlagert.

Uwe Scheuch dominiert (noch)
Auf eine Schlagwortwolke umgemünzt zeigt sich folgendes Bild.

Hier zeigt sich, dass FPK Landesrat Uwe Scheuch die Berichterstattung (noch) bei weitem dominiert. Dies dürfte sich während der kommenden Tage jedoch „zu Gunsten“ der ÖVP Kärnten bzw. zu ihrem ehemaligen Chef verschieben. Interessant ist auch die Intensität, mit der die involvierten bzw. im Zuge der Berichterstattung genannten Personen in sozialen Medien thematisiert werden. Hier zeigt sich folgendes Bild:

Anfang Juli 2012 dominiert Uwe Scheuch (Industry) wohingegen gestern klarerweise Josef Martinz (Brands) am deutlichsten ausschlägt. Interessanterweise fahren Scheuch und Dobernig in der Berichterstattung des 25. Juli zwar mit, besonders LR Dobernig spielt in sozialen Medien im vergangenen Monat jedoch nur eine untergeordnete Rolle. Schön für ihn. Insgesamt erzielt Martinz im abgelaufenen Monat 256, Uwe Scheuch 474 und Harald Dobernig gerade mal 128 Nennungen in sozialen Medien.

Von den Grafiken mal abgesehen. Wie wirken sich die aktuellen Entwicklungen auf die politische Kommunikation und hier vor allem auf die Online Kommunikation der Parteien aus?

Parteibüros befinden sich in Schockstarre
Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Posts tritt gerade mal Landesrat Dobernig (FPK) über sein Facebook-Profil in Aktion.

Interessant dabei: Auf der Facebook Fanpage der FPK gibt es bislang keinerlei kritische Postings. Dies könnte auch damit zu tun haben, dass das Feld „Inhalte anderer Nutzer“ vorsorglich entfernt oder schlicht gar nicht aktiviert war. Andes die Situation bei der ÖVP. Hier dürfen Fans in dieses „Inhalte anderer Nutzer“-Feld posten und machen von dieser Möglichkeit auch Gebrauch. So stark, dass die ÖVP Online Kommunikation das eine oder andere Postings bereits gelöscht hat und dafür kritisiert wurde.

Als Reaktion darauf wird mit Copy-Paste immer auf die selbe OTS-Aussendung verwiesen, eine Praxis wie sie auch bei der FPK gepflogen wird. Klar ist Sommer, klar ist Urlaubszeit. Soziale Medien und die davon ausgehende Echtzeit-Kommunikation kennt diese Worte jedoch nicht bzw. lassen sich Diskussion mit Copy-Paste nicht mehr stoppen.

Archive werden zur Waffe
Die Rache des Journalisten ist sein Archiv, heißt es so schön. Bloß sind es jetzt Nutzer wie du und ich, die recherchieren und immer öfter auch fündig werden. Diese Fundstücke werden dann genüsslich auf Facebook & Co gepostet. Links zu kappen, Berichte oder Videos offline zu nehmen funktioniert heute nicht mehr. Mit der Veröffentlichung landen sie sofort auch in den vielen privaten Archiven, in denen im Anlassfall eifrig gekramt wird.

Partei-Inhalte werden zum Bumerang
Aber auch die eigenen Aussagen der Parteien verbreitet über Social Medie Kanäle werden in Zeiten wie diesen leicht zum Bumerang wie dieses Video beweist. Parteien sind schlicht und einfach nicht mehr in der Lage, solches Material, das mittlerweile gegen sie verwendet wird, zu löschen oder ungeschehen zu machen. Es ist draußen, zig mal auf privaten Rechnern gespeichert und stellt damit ein wirksames Instrument der Agitation dar.

Fans tragen die Debatte auf Partei-Fanpages
Finden Fans auf Facebook die Möglichkeit vor, sich auf den Pages der Parteien zu äußern, so tun die dies. Das Deaktivieren dieser Möglichkeiten ist jedoch – oh Wunder! – kein Garant dafür, dass die Fanpages frei bleiben von kritischen Meldungen. So gehen die Fans dann einfach dazu über die Kommentarfunktion zu nutzen. Auch wenn der von der Partei gepostete Ursprungs-Inhalt gar nicht dazu passt. Für aufgebrachte User ist dies weder Grund noch Hindernis. Ein Umstand, von dem man sich auf der Fanpage der ÖVP-Kärnten überzeugen kann. Hier erscheinen (alte) Postings als Off-topic, zumindest aus Sicht der Fans.

Landespartei sind Diskussion nicht gewachsen
Bzw. stellen sich dieser Diskussion nur zu einem geringen Teil. Selbst bekannt wortgewaltige Social Media Nutzer wie ÖVP-Clubobmann Stephan Tauschitz melden sich auf Facebook nicht mehr zu Wort. Im Gegenteil. Wie ich gerade erfahre, gab es gestern vom Blog von Stefan Tauschitz noch einen funktionierenden Link auf den ÖVP eigenen Hypo-Abschlussbericht. Heute präsentiert sich die eigens zur Veröffentlichung dieses Berichts angelegte Homepage in schickem weiß.

Klar kam das Birnbacher-Geständnis gestern überraschend. Dennoch zeigt sich, dass die Parteien noch immer lieber mit APA-OTS arbeiten, als dass sie soziale Medien als integralen Bestandteil ihrer Kommunikation sehen und verwenden würden. Dies bedeutet, dass sie von einzelnen Social Media Evangelisten innerhalb ihrer Reihen abgesehen offenbar noch nicht jene Strukturen aufgebaut haben, die sie dazu benötigen würden, sich Krisen wie der vorliegenden aktiv zu stellen. Die Parteien waren bzw. sind dafür einfach noch zu langsam.

Disclaimer: Mag. Ed Wohlfahrt ist Berater für Soziale Medien in Klagenfurt und war zwischen 2000 und 2003 Pressesprecher der ÖVP Landesparteileitung.

 

3 Gedanken zu “Causa Birnbacher: Massive Schockwellen in Sozialen Medien

  1. Pingback: Wie sich Politik einen neuen Öffentlichkeit anpasst

  2. Hi Götz, danke, ich weiß…. Die mobile Überarbeitung kommt in den nächsten Woche. Bitte bleib aber trotzdem Teil meher Leserschaft 😉

  3. Lieber Ed,
    drei Deiner oben eingebundenen Bilder sind – zumindest für mich – nicht sichtbar, lesbar (ich lese hier gerad via MacBook und Safari – falls es an technischen Dingen liegen sollte).
    Sonst: sehr guter Artikel, schönes Statement.
    Herzlichst,
    Götz