Social Media: Wie trivial darf’s denn sein?

6. August 2012Wem gehen die trivialen Kommentare auf Facebook und anderen sozialen Medien nicht auf die Nerven? Wenn jemand nichts zu sagen hat, dann geht immer noch ein “Wow schööööön”, “Toll” oder …

Wem gehen die trivialen Kommentare auf Facebook und anderen sozialen Medien nicht auf die Nerven? Wenn jemand nichts zu sagen hat, dann geht immer noch ein “Wow schööööön”, “Toll” oder “Lieeeeb”.

Nachdenklich machen sollte uns aber vor allem auch, dass viele Unternehmen soziale Medien als Jahrmarkt der Trivialität sehen und ihre Updates aus purer Berechnung immer sinnentleerter ausfallen lassen. Hier geht es um die Frage warum sie das tun bzw. darum, ob es Wege aus dieser Trivialisierungs-Falle gibt.

Chris Brogan hat sich mit dieser Frage beschäftigt und zeichnet mit seinem Post “The Rise off the Junkweb” ein düsteres Bild. Das Müll-Netz sei großartig und zugleich unvermeidlich, sagt er und Unternehmen sollten daraus was machen. Aber spulen wir das ganze noch ein wenig zurück. Brogan hat auf Google Plus dieses Bild gepostet und sich gefragt, ob Facebook-Postings in Zukunft nur noch in dieser Form stattfinden würden.

Viele habenb sich daraufhin mit Kommentaren gemeldet, die diese Trivialtät auch kritisieren. Jedoch: Die Anzahl an Likes, Kommentaren und Shares sind beeindruckend. Und mal ganz im Ernst, welche Orchideen-Debatte führe ich hier eigentlich?! Ja, der Community- oder Brand-Manager von Cola-Cola steht sicher fein da. Aber der Brausehersteller ist nicht irgend jemand in sozialen Medien. Es ist das Rolemodel schlechthin, der Brand, den wir Berater auf und ab referieren und tausendfach in unsere Slides oder Prezis eingebaut haben. Warum? Weil die es so toll und richtig machen, ihre Fans zur Interaktion einladen, Storytelling auf höchster Stufe bereiten und – neuerdings auch mit einer Trivialität punkten, die sich wie eine Seuche über soziale Medien ausbreitet. Ja, Seuche. Und die machen wir alle jetzt auch weil schließlich Coca-Cola es vorzeigt.

Vom Smartweb zum Junkweb

Man hat den Facebook-Stream von vor drei Jahren einfach nicht mehr vor seinem geistigen Auge. Aber hier gab es gravierende Änderungen. War es früher durchaus opportun, seine User ein paar Zeilen Text auszusetzen, sind diese Zeiten heute längst einer Bilderflut gewichen. Wer braucht schließlich noch Text wenn User nachweislich nur noch scannen?! Warum müssen Unternehmen in Sozialen Medien ewig herumlabern, wenn sie doch mit den Babyfotos unserer besten Freunde konkurrieren müssen. Weg mit dem Text! Den brauchen wir wenn überhaupt nur noch ins Bild reingestellt und fertig.

Springende Katzen statt Info

Als Uwe Scheuch beispielsweise vor ein paar Tagen (endlich) als Kärntner Landesrat abdankte, kursierte auf Facebook das Bild einer Katze, die eine Luftsprung machte. Scheuch geht endlich, juhu! Es wurde zig-fach geteilt und mutierte zum Bild der Stunde. Es war förmlich schwer für mich, die Infos aus meinem Stream zu finden, die ich wirklich (subjektiv) als interessant empfand, die mir eine Info vermittelten, mich auf der Suche nach Argumenten weiterbrachte, etc. Das war gar nicht so leicht, setzten doch unzählige Katzen zum immer gleichen Luftsprung an und verklebten sozusagen meinen Steam. Ach was, sie entwerteten ihn, sie nahmen im seinen Sinn. Aber jetzt kann man natürlich auch sagen das sei mein Problem. Schließlich hätte ich ja auch die Möglichkeit gehabt, besser zu filtern, schon klar!

Berater reden Trivialität das Wort

Das mitunter Schlimmste an dieser Verknappung ist, dass man damit wirklich Ergebnisse erzielen kann. Je plakativer, trottolöser, je stupider und einfacher man ein Facebook-Posting aussehen lässt, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass es zumindest ein Like erhält. Und dann heißt es eigentlich schon froh sein darum. Schließlich ist ein Like immerhin ein Like. Schlimm ist, dass es genau diese Beispiele sind, die auch ich in meinen Folien anführe, wenn es darum geht in Sozialen Medien, insbesondere auf Facebook, Interaktion auszulösen. Schreiben Sie bloß nicht zu viel, sage ich dann. Seien sie ja nur nicht doppeldeutig oder sogar kompliziert, der User mag so schlaue Unternehmen gar nicht. Und nehmen Sie ihren User nur ja an der Hand und sagen ihm, was er als nächstes zu tun hat. Und das ist nicht ganz falsch. Dennoch ist es hinterfragenswert. Schließlich obliegt es jedem Unternehmen selbst, wie es User in Sozialen Medien anspricht, ob es sie überfordert, gut abholt oder generell unterfordert, weil es im Grunde davon überzeugt ist, dass denen doch alles egal ist, solange es süß, weich oder noch besser vorgekaut wird.

Durch die oben beschriebenen Tipps mache ich mich in Wirklichkeit mitschuldig an der schleichenden Trivialisierung sozialer Netze. Aber wie rauskommen aus dieser Trivialisierungs-Falle wenn doch keiner mehr liest, nachdenkt oder reflektiert, sondern nur noch konsumiert. Und weil er oder sie doch noch 1.000 ungelesene Nachrichten im Feedreader haben, nebenbei fernsehen und das Abendessen zu sich nehmen. Wir alle sind getrieben von einer Hektik, die das Aufnehmen und Verarbeiten von Information nicht mehr nur erschwert sondern in Wirklichkeit verunmöglicht.

Auswege aus der Trivialsierungs-Falle

Weniger ist mehr. Weniger Likes, Shares und Kommentare sind auch kein Beinbruch. Es ist ok, wenn Updates nicht irre abrocken, sich viral bis nach Usbekistan verbreiten und tonnenweise neue Fans bringen. Ein paar Social Media Nutzer wurden erreicht, es wurden für (hoffentlich) beide Seiten sinnstiftende Gespräche geführt, das Unternehmen hatte das eine oder andere Takeaway und basta! Das kann oder besser könnte es sein, würde jedoch die Abkehr von der einzig interessierenden Zahl in sozialen Medien bedingen, der Anzahl der Fans.

Auch in sozialen Medien: Weniger kann mehr sein!

Was noch bräuchte es, um wieder mehr Relevanz in unsere Feeds zu bekommen? Unternehmen die in der Lage sind, über das Bild mit eingebautem Text hinaus zu denken und relevante, also wirklich relevante, wahrhaftige, sinnstiftende und gute Inhalte bereit zu stellen. Inhalte, deren Konsumation ein wenig mehr voraussetzt, als eine Sekunde, einen flüchtigen Klick. Es bräuchte mit einem Wort Unternehmen, die ihre Fans in sozialen Medien nicht allesamt für geistig minderbemittelt halten UND es braucht Berater, die Unternehmen klipp und klar sagen, dass es zwar einen Trend in Richtung Verkürzung und Verknappung und Bebilderung gibt, dass man diesem jedoch nicht unbedingt folgen muss. Ach ja, eines noch. Es lässt sich wunderbar auch ein sinnentleertes Blog schreiben. Die Trivialsierung und Bilderlastigkeit betrifft also nicht nur Pinterest oder Facebook sonder ist ein generelles Thema in sozialen Medien.

Geistige Unterforderung? Dislike!

Trauen Sie ihren Fans was zu. Sie sind wahrscheinlich schlauer als Sie denken! Es muss nicht immer nur das Flash-Bild und ein kurzer Text sein. Auch Facebook lässt mehr zu als diese Social Media Quickies. Vielleicht hat ja gerade Ihr Unternehmen Fans, die gar nicht dem sagenumwobenen Durchschnittsnutzer gleichen, die auch auf Facebook bereit sind, einen kurzen Text zu lesen, die gesprächsbereiter Sind als der große Rest. Das herauszufinden ist ihr Job.

Social Media ist mehr als Facebook

Nicht alles muss sich auf Facebook abspielen, auch wenn hier die Masse zu Hause ist. Vielleicht ist es wirklich nicht so verkehr, wenn mancherorts Hohelieder auf das Corporate Blog gesungen werden? Vielleicht ist es wirklich besser auf Facebook zu verzichten, als sich dem Stress auszusetzen, hier fünfmal pro Woche blupp! sagen zu müssen. Vielleicht bringen Sie ihre Gedanken via Blog oder auch Google Plus viel besser auf den Punkt als anderswo? Das alles könnten Wege aus der Trivialisierungsfalle sein. Wir müssen sie nur beschreiten und zwar bewusst!

Infografiken: Bunte Balken machen kaum satt

Wenn es um die BILD-Tendenz in sozialen Medien geht, sollte auch kurz das Thema Infografiken angesprochen werden. Sie sind schön. Sie sind bunt. Aber mal im Ernst: Was bringen sie wirklich? Sie vermitteln ein Gefühl wie am Rummelplatz. Schöööööööööön! ruft man begeistert aus und vergräbt sich in den Balken und Diagrammen, in die grafsch schön umgesetzten Beschriftungen und Symbole. Eine Sekunde später folgt der Katzenjammer. Aber eigentlich nur dann, wenn man sich frägt, was man daraus jetzt gelernt hat, bei welchem Problem einem die Infografik jetzt konkret geholfen hat, etc. Der Lerneffekt abseits der bunten Zahlne ist meist sehr gering. Es geht nur um den flüchtigen Retweet, um das Gefühl jetzt irgendwie Bescheid zu wissen, ein Learning gehabt zu haben. In Wirklichkeit sind die meisten Infografiken ein hohles Versprechen. Bunte Balken und Grafiken machen nicht wirlich satt. Grundgesamtheiten sind meist ohehin nicht vorhaden. Berechnungsmethoden und weiterführende Infos können getrost entfallen. Braucht eh niemand, schon weitergeschickt, fertig! Wie war das noch mal? Glaub nur jener Statistik, die du selbst manipuliert hast..?

Zum Schluss eine Warnung

Neben Junk-Food gibt es immer auch das Haubenrestaurant. Neben der BILD-Zeitung das Qualitätsblatt. Und so ist es auch im Web. Unternehmen aber auch der einzelne Web-Nutzer sollten es sich bei der Verbreitung trivialer Inhalte jedoch nicht zu leicht machen. In sozialen Medien triviale Scheiße zu produzieren und auf ihre massenhafte Verbreitung zu hoffen, ist das eine. Davon auszugehen, dass alle nur noch Triviales wollen, könnte sich jedoch als Trugschluss herausstellen.

7 Gedanken zu “Social Media: Wie trivial darf’s denn sein?

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  2. Hi Ed

    Toll formuliert! Treffender hätte es gar nicht sein können, du sprichst mir aus der Seele.

    Ich stimme dir völlig zu. Teilweise werden wir von schrecklichem Catcontent zugemüllt. Aber leider wird es schwierig nur wirklich gehaltvollen Inhalt zu veröffentlichen. Das Problem dabei ist der EdgeRank, der uns zum Gegenteil zwingt :-(

    Meiner Meinung nach braucht es einen gesunden Mittelweg. Man kann mal ein Like- oder Comment-Gating machen, aber es reicht ja auch nur 1x im Monat. Oder vor einer wichtigen Meldung, um den Schwung der erhöhten Reichweite mitzunehmen.

    Gruss Chris

    • Hallo Chris, der von dir vorgeschlagene gesunde Mittelweg ist imho nie falsch und mit vielen Unternehmens-Seiten z.B. auf Facebook könnte ich besser leben, würden sie nur 1x/Monat trivial posten. Grüße und danke fürs Lesen!

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