Case-Study: Baustellenkommunikation via Facebook und Blog

20. Dezember 2013Es war ein kleines, jedoch feines Projekt. Es begann mit dem Nebensatz eines lieben und baustellentechnisch leidgeplagten Freundes, der mich auf die Idee dazu brachte. Diese wurde vom Stadtsenat für gut befunden und von mir umgesetzt.


Es ging dabei um die Kommunikation der größten Straßenbaustelle der Landeshauptstadt Klagenfurt. Ein Abschnitt der St. Veiter Straße wurde erneuert und eine Brücke neu gebaut. Mein Job dabei, diese Baustelle zu kommunizieren und mit Bildern, Videos und vor allem Geschichten gegen die weit verbreitete Meinung anzukämpfen, Baustellen wären einzig und allein scheiße. Ich schreib das so, weil die Leute das wirklich so glauben und natürlich recht haben damit.

Baustellen nerven, produzieren Staus und Chaos, sind laut und staubig, bringen Geschäftsentgang und wütende Anrufe. Dagegen kämpfte ich an. Das war aber noch lange nicht alles. Ich kämpfte weiters an gegen das Image eines Günstlings mit schönen Schuhen und Anzug, der Arbeitern die Zeit stiehlt und in der Gegend herum steht, dumme Fragen stellt und einfach nicht dazugehört. Dieses wurde mir zu Beginn des Projektes natürlich auch brühwarm um die Ohren gebunden. „Herr Wohlfahrt, ich sag es lieber gleich… Freude haben wir keine“ Wie geil war das denn?! Wenn das kein Ansporn ist, einen guten Job zumindest zu versuchen…

Herausgekommen ist eine Baustelle, die im Vergleich zu anderen Baustellen der Landeshauptstadt (und ich meine Straßenbaustellen ;)) in der öffentlichen aber auch der veröffentlichten Meinung wirklich gut weggekommen ist. Völlig klar natürlich, dass dies nur zu einem kleinen Teil mit dem Pilotprojekt Baustellentagebuch zu tun hatte. Worum also ging es dabei?

Unter dem Übertitel Baustellentagebuch wurde eine Facebook-Seite (Link ändert sich gerade!) und ein Baustellen-Blog (auch dieser Link wird umgebogen!) umgesetzt und darüber laufend Informationen geteilt. Diese betrafen jedoch nur zum Teil den Baufortschritt.

Alternative Bilder statt Lärm und Dreck
Den Schwerpunkt legte ich auf Menschen und Geschichten. Und weil es so oft heiß „wir haben ja keine Geschichten“… es zeigte sich, dass Baustellen vor Geschichten nur so wimmeln! Da gab es den kleinen Ibrahim, der während den Sommerferien jeden Tag mehrmals auf der Baustelle vorbei kam, um die Maschinen zu bestaunen. Oder die beiden Friseurinnen, mit zehn Zentimetern Schlamm im Keller ihres Geschäftslokals, die mir dennoch mit einer Freundlichkeit begegneten, die mich stutzig machte. Da gab es den Bauleiter, der auf der Baustelle ab und an Besuch von seiner Familie bekam und viele andere Begebenheiten mehr.

Ibrahim war jeden Tag live dabei wenn neue interessante Maschinen auf der Baustelle auftauchten

Warum das ganze klappte, hat einen Grund. Er heißt „Lange Leine“. Ich hatte so gut wie keine Vorgaben, konnte tun und lassen was ich wollte und ich machte von dieser Möglichkeit natürlich in Absprache mit den handelnden Personen wirklich auch Gebrauch.

Lange Leine und politikfreie Zone
Eine dieser Freiheiten war zb, dass es am Baustellentagebuch keine Politiker gab. Es ging hier ausschließlich um die Arbeiter selbst, um die Anrainer und Geschäftsinhaber und basta. Es war wirklich cool, dass sich niemand rein reklamiert hat. Ganz im Gegenteil. Die einzigen, die mir mit der Zeit ein schlechtes Gewissen einzureden versuchten, waren einige Arbeiter. „Du hast so viele Fotos von uns gemacht und kein einziges ist auf Facebook“. Das hat mir gezeigt, dass älteres Semester sehr wohl nachschauen ob und wie und was! Gutes und vor allem wertschätzendes Feedback von außen druckte ich zudem aus und hing es dort auf, wo es auf der Baustelle alle sehen konnten.

Dialog online und offline
Eine weitere schöne Erkenntnis war, dass sich die Online Dialoge auch im echten Leben fortsetzten und Kritiker, um nicht zu sagen Gegner des Projektes in echte Befürworter verwandelten. Was es dazu brauchte, war der Beweis, dass sich Baustellen eben auch auf diesem Weg transportieren lassen und diese Inhalte entsprechend angenommen werden. Dass dem so war, davon zeugen derzeit über 1.200 Likes auf Facebook und auch einiges Feedback am Blog. Wobei dieses Feedback teilweise von hoher Qualität war. Beispielsweise bekamen wir Feedback von einem Lastwagenfahrer, das uns half, die Beschilderungen für die Umleitung der Baustelle zu verbessern. Es ist ausdrücklich auch ein Projekt, bei dem es nicht um Klicks ging. Wichtig war die Weitergabe von Information und der Transport alternativer Bilder und Stories.

Pressearbeit via Facebook und Blog  
Ein gutes Beispiel dafür war, dass wir die erste Fahrt über die neu errichtete Brücke verlost haben. Die beiden Posts brachten es gemeinsam auf über 300 Likes, was für eine so kleine Seite doch ganz gut ist. Das Posting wurde erstellt an einem Samstag oder Sonntag. Eine halbe Stunde später bekam ich den ersten Anruf einer Journalistin, am kommenden Montag darauf dann ein ausführlicher Medienbericht lautend auf „Das gab es noch  nie…“ Also auch Journalisten nutzen Facebook und freunden sich mit Baustellen an…

Feedback und Werbung
In Summe gab es einen negativen Kommentar auf Facebook. Dieser wurde gelöscht und das war’s dann auch schon. Die große Befürchtung, das Feedback könnte ausschließlich negativ sein, bewahrheitete sich nicht. Auch Facebook-Ads kamen zum Einsatz. Dies insbesondere zu Schulbeginn im Herbst, als es darum ging, Ausweichrouten zu transportieren und die Pendler zu erreichen. Nachdem jedoch vor allem im Norden der Landeshauptstadt geworben und ein enges Targeting angewendet wurde, konnten die Kosten gering gehalten werden.

Braucht jede Baustelle Online-PR?
Bleibt abschließend die Frage, ob jede Baustelle eine online stattfindende Begleitung haben sollte? Ich würde sagen nein. Es hängt von vielen Faktoren ab, ob sich so etwas rechnet. Ich würde dann darüber nachdenken wollen, wenn eine Baustelle viele Menschen betrifft, die als Pendler, Anrainer oder Geschäftsinhaber involviert sind oder involviert werden sollen. Dann vielleicht ja. Und noch eine Kleinigkeit: Den Stundenaufwand für ein solches Projekt würde ich auf keinen Fall unterschätzen. Aber das macht nix, wenn man weiß, dass das Herzblut an der richtigen Stelle investiert wurde.

2 Gedanken zu “Case-Study: Baustellenkommunikation via Facebook und Blog

  1. Pingback: Online-Kommunikation für eine Straßenbaustelle? - Ja, das funktioniert! | socialthing.de

  2. Tolle Idee! Ich kann mir gut vorstellen, dass durch diese Aktion die positive Nachwirkung der Baustelle ins rechte Licht gerückt wurde. Über die neue Brücke freuen sich sicher alle – nur die Baustelle will niemand habe. Das Ziel lässt sich aber nicht ohne den mühsamen Weg dahin erreichen.
    Oft meint man zudem, auf den Baustellen würde sich tagelang nichts tun und sieht einzig die Sperrung oder den Stau. Wenn man durch diese Aktion ein wenig hinter die Kulissen blicken kann, ändert sich das sicher.
    Und ein bisschen Respekt haben auch die Bauarbeiter verdient, die einen Knochenjob machen, der allgemein aber wenig anerkannt ist.