Warum emotionale Geschichten besser funktionieren

4. November 2014Es war ziemlich ernüchternd, als mich die Teilnehmerin eines Workshops neulich darum bat, emotional etwas kürzer zu treten. Vielleicht hatte das aber auch mit dem Katzenvideo von Gopro zu tun. Emotion im Storytelling muss aber sein. Fehlt sie, fällt es uns schwer, darauf einzusteigen.


Es war dieses Video, das der Teilnehmerin sauer aufgestoßen hat. Und es ist wahrscheinlich nicht der Inhalt, den man sich morgens auf nüchternen Magen ansehen will. Doch es war nun mal mein Einstieg in einen Tag, in dessen Verlauf wir uns fragten, wie wir als UnternehmerInnen bessere Geschichten erzählen könnten.

Das Feedback, wie gesagt, sah so aus, dass mich die Teilnehmerin darum bat, etwas weniger emotionale Beispiele zu zeigen bzw. mit der Emotion generell ein wenig zurück zu fahren. Machen wir es kurz. Sie hatte recht.
Zudem erwischte sie mich klassisch auf dem falschen Fuß. So bin ich in den Workshops stets darum bemüht, dass sich die Teilnehmer wohlfühlen bzw. ein geschütztes Setting vorfinden, in dem sich dieses Wohlgefühl einstellen kann. Insbesondere zum Start enorm wichtig.

Storytelling ohne Emotion funktioniert nicht

Im limbischen System werden Entscheidungen getroffen. Der Schlüssel dazu sind Emotionen

Andererseits bin ich aber auch froh darüber, dass es diese Wortmeldung gab, da sie es mir ermöglichte, näher auszuführen, dass Geschichten Emotionen einerseits benötigen, dass es der Erzähler aber auch in der Hand hat, die darin enthaltene Emotion so zu dosieren, dass es für seine Zuhörer passt.

Für den Erzählenden ist es ebenso ein schmaler Grad. Es kann ganz schnell gehen, und man überschreitet als Sprecher einen Punkt, ab dem man seine Emotionen nicht mehr unter Kontrolle hat. Gerade dann, wenn unsere Geschichten sehr authentisch sind und wir auf (eigene) Konflikte, Probleme, Umwege und dergleichen zu sprechen kommen. Damit einem die Geschichte und damit die beim Publikum intendierte Wirkung nicht entgleitet, ist hier sicher weniger mehr. Aber zurück zur Frage, warum unsere Geschichten Emotionen brauchen, ja ohne sie nicht sonderlich gut funktionieren.

Unser Gehirn braucht Emotion.
Besser wäre es, die Frage anders zu stellen. Es gibt keinen zwingenden Grund, warum Geschichten Emotionen brauchen. Die Frage ist, was benötigt unser Gehirn, genauer gesagt, unser limbisches System, damit es auf Hochtouren kommt und vielleicht Entscheidungen trifft, ein ganz bestimmtes Bewusstsein schafft, Lernen ermöglicht, etc.

Storytelling limbisches System

Auch der US-Präsident ist sich der Wirkung emotionaler Inhalte bestens bewusst.

Limbisches System als emotionaler Textmarker
Wenn eine Geschichte nicht an unsere Gefühlswelt, an das Riechen, Schmecken, Tasten appelliert, so fällt sie durch. Sie wird nicht als relevant genug eingestuft und darum nicht gemerkt und erinnert. All das, was wir uns für unsere Geschichten wünschen, können wir uns dann abschreiben. Mir hat das Bild des limbischen Systems als emotionaler Textmarker sehr gut gefallen. Und dieser kommt eben nicht zum Einsatz, wenn unsere Geschichten an Emotionalität vermissen lassen.

Dies ist der Grund, warum uns gute Geschichten und Bilder (Stichwort: visuelles Storytelling) nahe gehen, uns emotional fesseln uns im wahrsten Sinn des Wortes nicht mehr loslassen. Es gibt dafür natürlich auch noch andere Gründe, schon klar. Jedoch sind und bleiben Emotionen – gut dosiert und eingesetzt – der zentrale Schlüssel zum Geschichtenerfolg.

Geschichten brauchen Wertschätzung
Dass wir mit diesem Thema wirklich sorgsam umgehen und dass wir jene, die z.B. im Rahmen eines Workshops Geschichten mit uns teilen, schützen müssen, ist selbstverständlich. Dieser Schutz ist nicht automatisch gegeben. Es braucht ein angstfreies Setting. Gibt es dieses nicht, werden kaum Geschichten erzählt. Ein nicht uninteressanter Umstand, wie ich finde. Auch von großer Bedeutung, zumindest für mich: Geschichten bzw. Menschen, die Geschichten erzählen, brauchen Wertschätzung. Das ist im ersten Schritt mal ein „Danke, dass du diese Geschichte mit uns teils“ oder ähnlich. Daran ist v.a. in Workshop-Settings zu denken, in denen jeder der Zuhörenden lernen und so schnell wie möglich auf den Punkt kommen will. Auch hier ist weniger mehr. Und noch etwas: Jeder, der schon mal ein Interview geführt hat, weiß, dass Geschichten kommen, wann immer sie wollen. Wenn sie Zeit brauchen oder wenn sie an einem bestimmten Workshop-Tag eben mal nicht kommen (wollen), so muss dies immer auch in Ordnung sein. Dieses Warten-Können dieses Eben-Nicht-Nachbohren, hat auch mit Wertschätzung zu tun, die ich für den Geschichtenerfolg für ebenso essentiell halte wie die Emotion.

Es grüßt Sie,
Ed Wohlfahrt

 

 

Ein Gedanke zu “Warum emotionale Geschichten besser funktionieren

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